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Drehmoment

Franziska Klug
Erschienen in
Zuschnitt 26: Handwerk
Juni 2007, Seite 27

Manchmal dreht sich alles im Kreis, ziemlich schnell sogar, besonders beim Drechseln. Da muss man das Messer schon sehr bedacht anlegen, um die Geschwindigkeit zu reduzieren und gleichzeitig ordentlich an Material wegzuschneiden, so lange, bis nur noch ein Hauch als Form übrig bleibt.

Späne müssen fliegen und das Wasser des grasgrünen, frischen Holzes verpasst einem eine Dusche, die sich gewaschen hat. Eine Pause ist nicht zu empfehlen. Die nutzt dieses lebendige, widerspenstige Stück, um sich aus seiner Einspannung herauszuwinden. Dann bäumt es sich auf, verformt sich, wird rissig, unrund, beginnt zu eiern und unwuchtig am Messer zu schlagen.

Da ist es schon besser, mit der Arbeit nicht zu zögern. Und vor allem darf man nicht glauben, dem widerborstigen Stück nur von außen Herr werden zu können. Nein, nein, schön vorsichtig ist auch das Innere zu bearbeiten, auch dort muss das Holz herausgedreht werden, bis sich die Form mit Spänen füllt, die dann ausgeräumt werden.

Und – wie schon gesagt – nur ein Hauch von Material darf übrig bleiben. Gerade soviel, dass das Licht durchzuscheinen beginnt und die Harzgallen im Holz wie eingeschlossener Bernstein leuchten. Was dann bleibt, ist die Form als das, was zwischen dem Innen und dem Außen liegt. So hat dieses vorerst gezähmte Ding die Chance, sich weiter zu bewegen ohne zu zerreißen und zu zerspringen. Denn die eigentliche Vollendung liegt nicht mehr in unserer Macht, da werden andere Geister wirksam und das Ding wird seine Form finden, sich immer ein wenig verändern, oval und bauchig, archaisch wird es werden. Vielleicht bekommt es ein paar kleine Risse, aber niemals wird es an sich selbst zerspringen, denn sein Zentrum, das man in mühsamer, vorsichtiger, feinfühliger und geduldiger Arbeit freigelegt hat, wird das Ding, das inzwischen ein Kunstwerk geworden ist, nicht verlieren.

Ja, so ungefähr hat er mir’s beigebracht, der Ernst Gamperl, ein Meister seines Fachs.

Objekte in Eiche gekalkt, Fissuren mit Schwalbenschwänzen fixiert

  • Durchmesser 12cm,
    Höhe 78cm
  • Durchmesser 23cm,
    Höhe 95cm

www.ernst-gamperl.de

Text
DI Dr.tech. Franziska Klug
Tischlergesellin
Architekturstudium in Graz und Holland
Assistentin am Institut für Raumgestaltung, TU Graz
Drechselworkshop »Vom Material zur Form« bei Ernst Gamperl im Sommer 2004, Boisbuchet/F

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