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Dreirad statt Vierrad

Ein Kindergarten im Autohaus

Karin Triendl
Erschienen in
Zuschnitt 31: Massiv über Kreuz
September 2008, Seite 16f.

Am Anfang war ein Autohaus. Umgeben von Wohnhäusern, sollte das 1983 als Stahlkonstruktion erbaute Gebäude im Trondheimer Stadtteil Svartlamon auf Wunsch der Stadtväter zu einem Kindergarten umfunktioniert werden. Die Architekten vom Büro bkark fanden vor allem die Positionierung des Gebäudes direkt an der Straße sehr inspirierend. Diese für Kindergärten ungewöhnliche Extrovertiertheit sahen sie als Herausforderung und erkannten zugleich die Qualität eines mit der Umgebung kommunizierenden Raumes.

Nicht zuletzt aus Gründen der Nachhaltigkeit entschieden sich bkark gegen den Abriss des Autohauses und gewannen damit die Möglichkeit, mit einem beinahe stützenlosen und ungewöhnlich hohen Raum zu arbeiten. bkark nennen diesen Prozess »Urbanes ökologisches Recycling« und ließen das Bestandsobjekt zum eigentlichen Bauplatz werden. Das Autohaus erfüllt dabei den Zweck der thermischen Hülle, der Innenausbau wurde als maßgeschneidertes Holzmöbel konzipiert. Das Architektenteam hatte bereits bei einem benachbarten Wohnbauprojekt (s. Zuschnitt 20) erste Erfahrungen mit Brettsperrholz gemacht und wollte nun den Einsatz dieses Materials im Innenausbau weiter untersuchen. Doch die Bauherren begegneten der Materialwahl mit viel Skepsis. Da die neue Konstruktion das bestehende Gebäude aber auch statisch und schallschutztechnisch unterstützen musste, fiel die Wahl schlussendlich doch auf Holz. So konnten aktuelle bautechnische Anforderungen der Behörden, aber auch ästhetische und praktische Vorgaben von Planern und Pädagogen erfüllt werden. 

Das geforderte Raumprogramm für den ehemaligen Schauraum bestand aus einer Küche, einem Atelier, drei Gruppenräumen, einem Ruheraum und einem »grünen Raum«, der dem Lernen von der Natur gewidmet sein sollte. Garderobe, Toiletten und Serviceräume befinden sich im hinteren Teil des ehemaligen Autohauses. Somit konnte auf platzverschwenderische Gangflächen verzichtet werden.

Während der Planung wurde großer Wert auf die Kommunikation mit den Pädagogen gelegt. Die Kinder sollten wie Erwachsene behandelt werden und die Räume für sich und ohne strikte Vorgaben entdecken dürfen. Außerdem sollten vor allem der Kreativität der Kinder keine Grenzen gesetzt werden. 

Der Entwurf sah die Errichtung von drei raumhohen Möbeln vor, die gemeinsam mit dem entstehenden »Restraum« alle geforderten Bereiche definieren. Man könnte auch von drei Häusern sprechen, charakterisiert durch individuelle Ausblicke, Lichtsituationen und Richtungen. Ziel von bkark war es, trotz der sehr einfachen Raumstruktur und Materialwahl Komplexität zu schaffen. Die Architekten erreichten dies, indem sie gekonnt gerade Linien in Plan und Schnitt verschoben und damit große, kleine, hohe, niedrige, offene und geschlossene Räume entstehen ließen. 

Anhand eines Arbeitsmodells im Maßstab 1:20 wurden die Beziehungen der Räume zueinander und die Zwischenräume genau definiert. Für die passgenaue Montage vor Ort waren sorgfältige Planung und Ausführung von größter Wichtigkeit. Die Architekten arbeiteten hierfür mit computergenerierten 3D-Schnitten, um die komplexen Holzteile genauer dokumentieren zu können. Trotz der guten Kommunikation zwischen Hersteller und Planern folgten mehrere Versionen an Ausführungsplänen, bis der Startschuss für die Produktion mittels CNC-Maschine gegeben werden konnte. 

Insgesamt wurden 43m3 Holz auf einer neuen Bodenkonstruktion, bestehend aus einem Holzrost mit dazwischenliegender Dämmung verbaut. Die 96mm starken Wände wurden nur in den Sanitärbereichen mit Öl oberflächenbehandelt, die restlichen Massivholzwände können von den Kindern als überdimensionale Pinnwand benutzt werden. Der Bodenbelag wurde geschliffen und mit transparentem Lack in fünf Schichten rutschfest versiegelt. Die erhöhten Schallschutzanforderungen (Rw ≥ 35dB) konnten ohne zusätzliche Maßnahmen erfüllt werden. 

Letztendlich überzeugte Brettsperrholz als sichtbare Oberfläche und Konstruktionsmaterial alle Beteiligten. Der homogene Innenausbau schmiegt sich wie ein perfektes Möbel an die bestehende Stahlkonstruktion aus den 80er-Jahren. Neben den erfüllten technischen Anforderungen machen Haptik, Geruch und die Flexibilität bei der Bespielung der Wände das Brettsperrholz im Kindergarten von Svartlamon zum multifunktionalen Alleskönner.

Fotos
© David Grandorge

Text

Karin Triendl
Architektin, seit 2007 Bürogemeinschaft mit Arch. Patrick Fessler, schreibt als freie Autorin über aktuelle Stadt(Räume) und Architekturen
www.triendlundfessler.at

Drei »Holzmöbel« wurden in den hohen, fast stützenfreien ehemaligen Schauraum gestellt und definieren alle geforderten Bereiche.