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HolzBox goes Steiermark

Modulsystem für Jugendcamps

Norbert Mayr
Erschienen in
Zuschnitt 31: Massiv über Kreuz
September 2008, Seite 8f.

»Die Box kann, mitsamt ihren Möbeln, bereits vorgefertigt auf die Baustelle geliefert werden. Nach Größe und Gestalt der Anlage werden die Boxen dann addiert bzw. gestapelt.«

Modulares Bauen, Serienproduktion, Flexibilität, Ortsungebundenheit, all dies suggeriert der vor rund fünf Jahren formulierte Anspruch von HolzBox. Das Innsbrucker Architekturbüro konnte 2003 den Wettbewerb der steiermärkischen Landesregierung für ein multifunktionales Campmodul für Jugendliche und Familien für sich entscheiden. Das modulare Musterkonzept sollte die architektonische, infrastrukturelle und funktionale Qualität von Ferienherbergen verbessern. Gefordert waren ein Betreuermodul mit einem Bett, ein Jugendraummodul mit sechs und ein Familienmodul mit vier bis fünf Betten. Die Lösung von HolzBox war einfach: drei gleich lange, beliebig kombinierbare Containermodule aus Massivholzplatten. Denn obwohl ursprünglich eine Ausführung in Holzrahmenbauweise geplant war, entschieden sich die Architekten im Lauf des Umsetzungsprozesses für die Holzmassivbauweise mit Brettsperrholzplatten, da diese, so Ferdinand Reiter, der Architektur viel eher entsprach und nicht zuletzt aufgrund der geografischen Nähe zu den steirischen Produzenten auf der Hand lag.

Sieben mal Steiermark

Die »qualitativ hochwertigen, kostengünstigen, ästhetischen Einzelmodule« sollen durch möglichst viele Gemeinsamkeiten in ihrer Grundstruktur eine »systematische Vorfertigung« ermöglichen. Gestaltungselemente sollten aber auch den »regionalen Spezifika und Eigenarten angepasst werden«, lautete der Anspruch der Architekten. Mittlerweile sind die beiden Mustermodule in Neudau an der Lafnitz, das Jugendcamp Passail, die Apartmentanlage Planneralm, das Camp Wildalpen, die Panorama Appartements Oase in Bad Aussee und vor wenigen Monaten das Pilger- und Freizeithotel Holzbox Niederalpl fertiggestellt und in Betrieb. Das Camp Fürstenfeld als siebte Variante des modularen Systems ist in Planung.

Theorie und Praxis

Für die prototypischen Raumzellen in Neudau und die 14 Module der mehrgeschossigen Anlage Planneralm wurden die einzelnen Boxen, wie ursprünglich geplant, in der Halle vorgefertigt und mittels Mobilkran auf Technikraumsockel und Betonpfeiler gesetzt bzw. entsprechend der Hanglage versetzt gestapelt. Bei den anderen Camps wurden Wandeinzelelemente angeliefert und vor Ort zusammengebaut. Die Holzbauunternehmen hatten nämlich nicht nur logistische Probleme beim Transport der bis zu 16 Tonnen schweren Module auf engen Straßen zu überwinden; die Manipulation beim Versetzen barg die reale Gefahr, dass die zusammengefügten Teile aus den Fugen geraten würden. Bei den aufgeständerten Holzboxen in Wildalpen wurden die Lasten der Auskragung über jeweils ein Brettsperrholz-Wandelement abgetragen. In der terrassierten Anlage in Bad Aussee war dies wegen kürzerer und daher längs »gestückelter« Elemente eines anderen Herstellers nicht möglich. Hier – ähnlich wie in Niederalpl – bildet daher eine Betonplatte den Boden der Module.

Für alle drei Grundtypen – Betreuerraum (ca. 19m2), Jugendraum (ca. 29m2) und Wohneinheit (ca. 39m2) – entwickelte HolzBox besonders ökonomische Grundrisse, die im Bedarfsfall modifiziert wurden, wie etwa beim 55m2 großen, behindertengerechten Appartement-Typ in Bad Aussee.

Aussichtssache

Neben Niedrigenergiestandards zeichnet ein intensiver Landschaftsbezug alle Anlagen aus. Die Optimierung des »Panoramablicks« mittels großflächiger Verglasungen und Glasbalkone verbindet sich mit dem jeweils spezifischen Reagieren auf Topografie und Kontext. Durch die Aufständerung der Holzkörper wurden attraktive, geschützte Freibereiche gewonnen (Wildalpen), manche Module wurden im Hang eingebettet (Passail, Planneralm) bzw. mit gedeckten Erschließungsbereichen terrassiert (Bad Aussee).

Zur ökologischen kommt die atmosphärische Qualität von Holz. In allen Camps sind die Fichten-Brettsperrholzelemente bei Decken und Wänden visuell präsent, möglichst kombiniert mit Lärchenholzböden. Die sägeraue Schnittholz-Hülle trotzt – z. B. in Wildalpen – dem Wetter. Eine Verkleidung mit eingefärbten oder neutralen Schichtstoffplatten kam im Außenbereich der beiden Stirnseiten, aber auch bei den Nasszellen, zum Einsatz. Die von den Architekten gestalteten Möbel bestehen aus anthrazitfarbenen MDF-Platten. Bei manchen Camps erinnern die hölzernen Luken der Boxen an die Öffnungen eines Bienenstocks. Die Waben aus Holz mit den Sanitärboxen in der Mitte präsentieren sich als offene bzw. großflächig verglaste Wohnröhren. Dies gilt sowohl im Zugangsbereich als auch nach vorne, zur Landschaft hin, wo im Standardmodul Schlafnische und Loggia untergebracht sind. Eine Übersiedelung per Kran wäre jederzeit möglich, zumindest theoretisch.

Jugendcamp Passail (oben quer) und Camp Wildalpen.


Standardmodul Camp Wildalpen

Text

Norbert Mayr
  • Studium der Kunstgeschichte, Archäologie und Philosophie
  • freier Architekturhistoriker und -publizist, Stadtforscher
  • seit 1984 Aufbau eines Architekturarchivs mit Schwerpunkt Salzburg
  • Forschungs-, Publikations-, und Kuratorentätigkeit
  • Vorträge, Lehrtätigkeit, Kommentare und Beiträge in Fachzeitschriften und Büchern
  • Zuletzt erschienen: »Stadtbühne und Talschluss–Baukultur in Stadt und Land Salzburg«, Otto Müller, 2006