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Standpunkt

Soll die Formaldehydgrenze von Holzwerkstoffen weiter heruntergesetzt werden?

Karl Dobianer
Erschienen in
Zuschnitt 35: Innenfutter
September 2009, Seite 24

Eine neue Richtlinie des österreichischen Lebensministeriums fordert für Formaldehyd eine Obergrenze von 0,05ml/m3(=ppm). Auch wenn die Richtlinie unverbindlich ist, hat sich der niedrigere Grenzwert schon bei freiwilligen Bewertungssystemen durchgesetzt.

Wir verbringen weit mehr Zeit in geschlossenen Räumen als im Freien. Eine gute Innenraumluft ist deshalb nicht nur eine Frage der Lebensqualität, sondern auch der Gesundheit. Durch das Abbrennen von Zigaretten, aber auch durch verschiedene Baumaterialien werden Schadstoffe freigesetzt. In diesem Zusammenhang ist der im Jahr 2004 von der Weltgesundheitsorganisation als krebserregend eingestufte Stoff Formaldehyd immer wieder im Gespräch, da er in vielen Innenräumen nachzuweisen ist. Die Quellen für Formaldehyd sind vielfältig. Man findet ihn in Haushaltsreinigern, Desinfektionsmitteln, Textilien, Bauprodukten, Babywindeln und Feuchttüchern sowie in verschiedenen Lebensmitteln wie Äpfeln, Birnen, Schalentieren und Räucherwaren. Über einen längeren Zeitraum prägte vor allem die Freisetzung aus Bauprodukten wie zum Beispiel Textilien, Wandfarben, Bodenbelägen und Holzwerkstoffen den öffentlichen Diskurs über Luftschadstoffe in Innenräumen. Heute erfüllen Holzwerkstoffe strenge Standards. Es dürfen nur mehr solche in Umlauf gebracht werden, die eine Ausgleichskonzentration des Formaldehyds in der Luft eines Prüfraums von maximal 0,1 ppm aufweisen. Das heißt, auf 10 Millionen Anteile Luft kommt ein Teil Formaldehyd. Auch die derzeit gültige österreichische Formaldehydverordnung setzt für Holzwerkstoffe eine Obergrenze von 0,1 ppm fest.

Nicht verwechselt werden darf die Luftkonzentration im Prüfraum mit der tatsächlichen Gesamtbelastung der Luft eines Innenraumes. Letztere hängt von mehreren Faktoren ab, steigt jedoch in einem ungelüfteten Raum eine gewisse Zeit lang annähernd linear mit der Zeit an. Ausreichende Lüftung ist daher die wichtigste Bedingung für ein gesundes Raumklima.

Regelwerke für die Raumluft orientieren sich an diesen Prüfraumwerten. In der neuesten Fassung der Richtlinie zur Bewertung der Innenraumluft des österreichischen Lebensministeriums wurde nun ein 24-Stunden-Mittelwert von 0,05 ppm vorgeschlagen. Diese Richtlinie ist unverbindlich. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob sich diese Empfehlung auf zukünftige gesetzliche Regelungen auswirken wird. Bereits heute gibt es schon freiwillige Bewertungssysteme, die eine so strenge Grenze für die Formaldehydkonzentration setzen, wie z. B. das Österreichische Umweltzeichen, an dem die Gemeinde Wien ihre Beschaffungskriterien orientiert.

Ob diese Grenzwerte auch wissenschaftlich begründet sind, ist umstritten. Bereits vor knapp 500 Jahren hat der in Salzburg wirkende Arzt, Naturforscher und Philosoph Paracelsus den Satz geprägt, der bis heute unverändert gilt: »Alle Dinge sind Gift und nichts ohne Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.« In der Toxikologie kennt man für bestimmte Stoffe Grenzwerte, unter denen keine toxischen Wirkungen mehr nachweisbar sind. Ein weiteres Unterschreiten dieser Werte bringt also keine zusätzliche Sicherheit. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) bestätigte 2006, dass selbst unter Berücksichtigung der Reizwirkung unter einem »Safe Level« von 0,1ppm keine gesundheitlichen Risiken mehr zu erwarten sind. Auch wenn einige Menschen besonders sensibel auf Formaldehyd reagieren und selbst unter diesem Wert seinen Geruch wahrnehmen, hat dies keinen Einfluss auf ihre Gesundheit.

Es wird nicht möglich sein, emissionsfreie Räume zu schaffen. Nicht nur Holzwerkstoffe, auch viele andere Materialien emittieren Formaldehyd. Auch der menschliche Körper produziert im Rahmen seiner normalen Stoffwechselvorgänge Formaldehyd und kann daher gewisse Mengen problemlos verkraften.

Formaldehyd wird für die Herstellung von Holzleimen für Plattenwerkstoffe (Sperrholz-, Span- oder Faserplatten) eingesetzt, weswegen bei diesen Produkten auch mit einer gewissen Formaldehydemission zu rechnen ist. Es gibt auch formaldehydfreie Leime wie Polyurethane und Epoxide, diese sind jedoch deutlich teurer und ein genereller Umstieg auf sie ist auf Grund der beschränkten weltweiten Verfügbarkeit gar nicht möglich. Derartige Leime stellen bei der Verarbeitung zusätzlich viel höhere Anforderungen an den Arbeitnehmerschutz. Zudem sei angemerkt, dass auch der Herstellungsprozess von Polyurethanen nicht ohne Formaldehyd auskommt. Vollkommen ungefährliche Klebstoffe von praktischer Bedeutung gibt es also zurzeit nicht. Die Industrie wird daher neue Verfahren entwickeln müssen und diese neuen Grenzwerte werden zumindest vorläufig die Kosten der Produkte in die Höhe treiben.

Forschungsprojekt

Der Fachverband der Holzindustrie in Wien startet 2010 ein Forschungsprojekt, das über drei Jahre laufen wird und zur Grundlagenerforschung der Emissionen in der Innenraumluft sowie der Einflussfaktoren durch Sanierung und Lüftung dient.

Richtlinie zur Bewertung der Innenraumluft:

umwelt.lebensministerium.at/article/archive/7277
www.lebensministerium.at
www.bfr.bund.de

Text

Karl Dobianer
  • geboren 1964 in Wien
  • Studium der Biochemie, Chemie und Toxikologie
  • 1982 – 2005 Mitarbeit an verschiedenen Institutionen der Universität Wien und der Industrie im Bereich Medizin und Biowissenschaften
  • seit 2005 eigenes Technisches Büro für Chemie mit Spezialisierung auf Toxikologie, Klebetechnik und Werkstoffe