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L’Aquila – Ein Augenzeugenbericht

Monica Pelliccione
Erschienen in
Zuschnitt 36: Schnelle Hilfe
Dezember 2009, Seite 6

Erdbeben erschüttert L’Aquila

Montag, 6. April 2009, 3:32 Uhr

Ein Erdbeben erschüttert L’Aquila mit einer Stärke von 5,8 auf der Richterskala. In wenigen Sekunden verändert sich das Erscheinungsbild der im Mittelalter von Friedrich II. gegründeten Stadt gänzlich. Ihre Prachtbauten stürzen ein wie Kartenhäuser: die Torre Civica des Palazzo Margherita, in dem das Rathaus untergebracht ist, die Basilika von Collemaggio, die Präfektur im alten Stadtzentrum, das Studentenheim in der Via XX Settembre.

300 Menschen, darunter Kinder, Jugendliche und ältere Leute, kommen unter den Trümmern ums Leben. Der folgende Sonnenaufgang bringt das wahre Ausmaß der Katastrophe zutage: Man spürt den Schmerz der Angehörigen der Opfer und jenen der Tausenden Familien, die ihr Zuhause verloren haben.

Nicht nur eine der schönsten Provinzstädte Italiens mit ihren Kunstwerken, Häusern, Schulen und Kirchen wurde völlig zerstört, sondern auch umliegende Dörfer. Die Aufnahmen aus dem Bergdorf Onna, das dem Erdboden gleichgemacht wurde, gehen ebenfalls um die Welt: Überall herrscht nur Stille und Zerstörung. Das Landschaftsbild gleicht dem nach einer Bombardierung.

Das Entsetzen über das verheerende Erdbeben wird bei den Menschen in den Abruzzen sehr bald durch die tröstliche Gewissheit gelindert, nicht alleine zu sein. Nie zuvor hat sich hierzulande eine Solidaritätswelle so schnell in Gang gesetzt. Neben den Zahlen und Ziffern der Tragödie stehen die der Menschen, die Anteil genommen haben: Mehr als 11.000 Nachbeben wurden in den sechs Monaten nach dem 6. April registriert, 67.500 Menschen wurden vom Zivilschutz betreut, 166.000 Freiwillige kamen aus ganz Italien, um Hilfe zu leisten. Als Wunder aber werden die Häuser bezeichnet, in denen Tausende obdachlose Familien in kürzester Zeit ein neues Zuhause fanden. Italien hatte schon mehrere Erdbeben erlebt, nach denen die Menschen teilweise zwanzig bis dreißig Jahre lang in Notunterkünften leben mussten. Um dies im Falle von L’Aquila zu vermeiden, reagierte der italienische Zivilschutz schnell und ließ in der Umgebung von L’Aquila 150 Wohnbauten errichten. Viele Familien erhielten bereits den Schlüssel für ihre neue Wohnung. Für sie, die durch das Erdbeben alles verloren haben, ist es ein wichtiger Wendepunkt. Antonio, der mit seiner Frau und den zwei Kindern gerade in seine neue Wohnung in Preturo eingezogen ist, ist begeistert: »Der Innenraum ist sehr komfortabel, warm und hell«, erklärt er, »endlich sind wir wieder in einer richtigen Wohnung.«

Erdbeben-Gefährdungszonen

Erdbeben-Gefährdungszonen und Erdbeben in Italien

(1) L’Aquila 6. April 2009
5,8 auf der Richterskala, 297 Tote

(2) San Giuliano 31. Oktober 2002
5,4 auf der Richterskala, 30 Tote

(3) Umbrien 26. September 1997
5,6 auf der Richterskala, 11 Tote

(4) Irpinia und Basilicata 23. November 1980
6,9 auf der Richterskala, 2.375 Tote

(5) Friaul 6. Mai 1976
6,4 auf der Richterskala, 989 Tote

(6) Belice 20. Januar 1968
6,4 auf der Richterskala, 400 Tote

(7) Avezzano 13. Januar 1915
6,8 auf der Richterskala, 33.000 Tote

(8) Messina und Reggio Calabria 28. Dezember 1908
7,2 auf der Richterskala, 70.000 100.000 Tote

Italienischer Zivilschutz: www.protezionecivile.it

 

Text:
Monica Pelliccione
geboren 1973 in L’Aquila
begann ihre journalistische Laufbahn beim abruzzesischen Lokalsender tv Uno
seit 1997 Mitarbeit bei der lokalen Tageszeitung Il Centro, Korrespondentin von Agi, der Agentur Kataweb und cisl (seit 2004)

Foto:
©Vincenzo Tersigni⁄EIDON