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In Falten gelegt

Ein ehemaliges ­Lagerhaus in Bradford

Achim Pilz
Erschienen in
Zuschnitt 42: Obendrauf
Juni 2011, Seite 26f.

Das »Hanover House« im nordenglischen Bradford trägt seit Kurzem ein raffiniertes Faltwerkdach. Die leichte Konstruktion ist das einzig sichtbare Zeichen des Wandels, den das aus viktorianischer Zeit stammende Gebäude hinter sich hat: Ursprünglich war es ein Lagerhaus für Textilien, in den 1980er Jahren wurde es durch einen Brand stark beschädigt. Nur ein Notdach, das ebenfalls bald undicht wurde, bremste den weiteren Zerfall des denkmalgeschütz­ten Hauses. Heute ist es ein Wohngebäude: Von 2004 bis 2006 baute das deutsch-englische Architekturbüro Kraus Schönberg das ehemalige Lagerhaus im historischen Viertel »Little Germany« in Wohnungen um. Im Zuge des Umbaus sollte das dreigeschossige Gebäude auch aufgestockt werden, wenn möglich, ohne die bestehenden gusseisernen Stützen im Inneren zusätzlich zu belasten. Aus Denkmalschutzgründen sollte die Fassadenansicht weitgehend unverändert bleiben und es durfte nur ein weiteres Geschoss hinzukommen.

Die Architekten entwarfen für die Aufstockung ein Hybridtragwerk aus Stab- und Faltwerk. Aus Gewichtsgründen fiel die Wahl auf Holz: Ein Flachdach aus Brettsperrholzplatten liegt auf drei Brettschichtholzträgern auf. In drei Bereichen ist das Flachdach eingestülpt; die schrägen Wände dieser Einstülpun­gen sind die Umfassungswände der Terrassen und dienen zugleich als Auflager für die Deckenbalken. Aufgrund dieser langen Auflagerflächen konnte die Spannweite der Balken um bis zu 4 Meter verkürzt werden. Da die 140 mm starken Holzplatten der Decken und die 95 mm der Wände im Brandfall nur 0,7 mm pro Minute verkohlen, lässt ihre Resttrag­fähigkeit genügend Zeit, um die Bewohner zu evakuieren. Allerdings musste ein Rauchabzug installiert werden, damit die Bewohner im Notfall die weiten Wege bis zum Fluchttreppenhaus sicher zurücklegen können.

Zuschnittmuster und Anschnittwinkel der Holzplatten wurden vom Hersteller direkt aus der 3D-Datei der Architekten übernommen. Auf die neu erstellte Decke über dem Bestand wurden die schräg gestellten Außenwände mit Stahlwinkeln angeschraubt und ausgerichtet, dann die Brettschichtholzträger oben aufgelegt. Auf diese Träger wiederum, die über die Schmalseite des Gebäudes spannen, wurden die teils weit auskragenden Brettsperrholzplatten geschraubt.

Die Konstruktion hätte wegen der dabei entstehenden Schubkräfte ein Zugband benötigt, das die Architekten in Form einer Brettsperrholzplatte im Fußboden integriert vorgesehen hatten. Da der Generalunternehmer entgegen dieser Planung aber eine Holzbalkendecke mit aufliegenden Spanplatten wählte, mussten im Inneren vier Stützen unter die beiden längeren Brettschichtträger gesetzt werden.

Auch wenn das gefaltete Dach nicht so raffiniert ausgeführt wurde wie ursprünglich geplant, profitieren die Bewohner immer noch von seiner räumlichen und gestalterischen Wirkung. Durch die Einstülpungen entstehen im Außenbereich Terrassen, im Innenraum sorgen sie für einen spannenden Wechsel von offenen und geschlossenen Bereichen. Zudem tritt das Haus durch sein neues Dach in einen Dialog mit der Umgebung: Die Form des Daches nimmt Bezug auf die Gauben der Nachbarbebauung. Die Dachdeckung mit schwarzem Zink gleicht den Schieferdächern, welche die Bauten in »Little Germany« prägen. Zwischen der Zinkhaut und den Holzplatten liegt eine 120 mm starke, beidseitig mit Aluminium kaschierte ps-Dämmung. Kraus Schönberg haben dem Haus einen würdigen Abschluss geschenkt, der nun übrigens – aufgrund des englischen Rechts – zusammen mit dem gesamten Gebäude unter Denkmalschutz steht. Dank der hügeligen Topografie Bradfords kann der Betrachter den modernen Aufbau und damit den Wandel des ehemaligen Lagerhauses schon von Weitem erkennen.

bestehendes Gebäude
große Spannweite für das neue Dach
bestehende Tragstruktur der unteren Geschosse
reduzierte Spannweite durch Faltung
Fassade = Balkenauflager
= offene Grundrissgestaltung

Fotos

© Kraus Schönberg

Text

Achim Pilz
  • selbstständiger Architekturpublizist, berichtet in internationalen Fachmedien über zukunftsfähige Architektur
  • Buchautor („Silikatbeschichtungen“) und Herausgeber („Lehm im Innenraum“)
    studierte Architektur in Wien, Aachen und Stuttgart
  • lebt in Stuttgart
  • www.bau-satz.net

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