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Historische Entwicklung der Holzwand

Stefan Winter, Frank Lattke
Erschienen in
Zuschnitt 43: Die Außenwand
September 2011, Seite 14f.

Craticii vero velim quidem ne inventi essent …

Fachwerk, wünschte ich, wäre nie erfunden. Soviel Vorteil es nämlich durch die Schnelligkeit seiner Ausführung und durch die Erweiterung des Raumes bringt, umso größer und allgemeiner ist der Nachteil, den es bringt, weil es bereit ist, zu brennen wie Fackeln … Auch macht das unter Verputz liegende Fachwerk durch die senkrechten und querliegenden Balken am Verputz Risse … Aber da ja manche Leute sich doch zum Fachwerkbau gezwungen sehen, weil der Bau schnell vor sich gehen soll oder sie wenig Geld haben … wird man folgendermaßen verfahren müssen: Die Schwelle unterbaue man so hoch, dass sie mit der Estrichmasse und dem Fußboden keine Berührung hat. Wenn die Balken nämlich in ihnen ver­schüttet sind, werden sie mit der Zeit morsch, sinken ab, neigen sich und zerstören die Schönheit des Putzes.

Vitruv, Zehn Bücher über Architektur

Seit Menschen Behausungen bauen, ist die Wand die Trennung zwischen drinnen und draußen, ist sie Wärmedämmung, statisches und zugleich bestimmendes Element der Architektur. In vielen ländlichen Regionen Europas kann man bis heute die Entstehung und Konstruktion alter Holzbauweisen studieren. Für Wohngebäude und Ställe hat man schon immer versucht, möglichst dichte und dämmende Außenwände zu bauen. Dabei waren Holzwände zwar in den Dämmeigenschaften den Steinbauweisen überlegen, oft aber nicht in ihrer Dichtheit und Haltbarkeit. Scheunen zur trockenen Lagerung von Heu weisen dagegen oft Spalte oder Öffnungen auf, damit Luft um das darin gelagerte und durch Wand und Dach geschützte Gut zirkulieren kann.

Die handwerklichen Fertigkeiten, aus einem Baumstamm ein Stück Bauholz zu schlagen und dieses dann mit anderen zu einer Wand zu fügen, haben stets die Art und Weise beeinflusst, wie Holzbauten entstanden sind. Frühzeitlich bekannt sind Pfahlbauten, bei denen zwischen Pfosten/Diele eingespannte Flechtwände mit Lehmputz bedeckt wurden.

Der mittelalterliche und neuzeitliche Holzbau kann in Massivbau und Skelettbau unterschieden werden. In den Alpenländern und Skandinavien kennen wir den Blockbau, auch Schrot- oder Strickbau genannt, bei dem liegend behauene Balken mit mehr oder weniger komplizierten Holzverbindungen an den sich stoßenden oder überkreuzenden Eckverbindungen lagenweise zusammengehalten sind. Durch das Aufstapeln der Holzbalken muss das Schwinden der Holzmaße berücksichtigt werden. Details wie z. B. Fenster- und Türanschlüsse müssen so ausgebildet werden, dass sich der Blockbau ungehindert setzen kann. Das Wandgefüge des Ständer- oder Stabbaus besteht aus vertikalen aneinandergereihten Brettern oder Bohlen, die eingenutet auf eine Schwelle aufgesetzt sind.

Beim Skelettbau besteht das Tragwerk aus senkrechten, waagrechten und schrägen Hölzern. Die von ihnen eingeschlossenen Gefache sind beim Ständerbohlenbau mit aussteifenden Holzbohlen und beim Fachwerk mit Flechtwerk oder Mauerwerk aus Bruch­stein geschlossen.

Filigrane bewegliche Holzverbindungen bestimmen den japanischen Stab- oder Fachwerkbau, bei dem Knotenpunkte, durch Holzkeile gesichert, auch größeren Kräften aus Wind- oder Erdbebenbeanspruchung standhalten.

Die Entwicklung neuer Produktionstechnologien und Baustoffe verdrängte im 19. Jahrhundert zunächst den Holzbau in Europa ein Stück weit. In Amerika dagegen, wo großer Bedarf an Bauvolumen herrschte, entwickelte sich der Balloon-Frame als Bauart. Auf über mehrere Geschosse durchgehende enge Rippen aus standardisierten Querschnitten wurden hierfür Bretter oder Holzwerkstoffplatten aufgenagelt. Beim Platform-Frame erfolgt der Abbund der Wände geschossweise.

In Europa entwickelte sich der Holztafelbau im 20. Jahrhundert zuerst als Bauweise für preiswerte Baracken, ursprünglich für Sanitätsbaracken im Krieg, später um die Wohnungsnot während und nach dem Ersten Weltkrieg zu lindern. 1921 stellte die als „Maschi­nen­möbel“-Hersteller bekannte Deutsche Werkstätte Hellerau ihr erstes Holzgebäude vor, das in Tafelbauweise vorgefertigt wurde. Maßgebliche Entwicklung betrieb die Firma Christoph & Unmack, die 1919 ihre Werksiedlung in Tafelbauweise errichtete. Der Architekt Konrad Wachsmann, dortiger Chefarchitekt von 1926 bis 1929, beschäftigte sich mit der Weiterentwicklung der Skelettbauweise.

Er griff den historischen Fachwerkbau auf und vereinfachte die Bauweise durch Vereinheitlichung der Querschnitte und Abstände. Die daraus entstandene Holzrippenbauweise kann als Vorläufer der heutigen Holzrahmenbauweise bezeichnet werden. Die stetige Weiterentwicklung der Produktionstechniken, erhöhte Anforderungen an bauphysikalische Eigenschaften und in den Nachkriegsjahren der Wunsch nach Materialoptimierung führten zusammen mit der Entstehung unterschiedlicher Dämm-, Dicht- und Bekleidungswerkstoffe zu den heute breit angewendeten mehrschichtigen Aufbauten der Außenwände des Holztafelbaus.

Dass wir heute mit Brettstapel- und Brettsperrholzbauweise wieder zu den Massivbauweisen zurückkehren, mag unter dem Gesichtspunkt der Materialoptimierung verwundern. Aber mit Blick auf den Lebenszyklus eines Gebäudes, auf CO2-Wirksamkeit, Feuchte- und Wärmespeicherung sowie auf die große Beanspruchbarkeit bildet die Massivholzbauweise im Vergleich zum vielschichtigen Holzrahmenbau insbesondere im mehrgeschossigen Holzbau eine hochinteressante Alternative.

Eines aber gilt bis heute unverändert: In allen Fällen braucht es einen exzellenten baulichen Holzschutz.

Heute übliche Holzbauweisen

Holzmassivbau:

Blockbau
Brettstapelbau/Brettsperrholzbau

Tafelbau/Raumzellenbau:

Holzrahmenbau/Holzrippenbau:

Ingenieurmäßiger Skelettbau:

Quelle Grafiken:

Mehrgeschossiger Holzbau in Österreich - Holzskelett- und Holzmassivbauweise, proHolz Austria (Hg.), Wien 2002

Text

Stefan Winter
Frank Lattke
ist selbstständiger Architekt in Augsburg und Partner im Europäischen Forschungsprojekt leanWOOD.
www.lattke-architektur.de