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»Regeneratfasern müssen die Mode erst erobern.«

Die Textilexpertin Christina Leitner im Gespräch mit Stephan Hilpold

Erschienen in
Zuschnitt 48: Holzfasern
Dezember 2012, Seite 19f.

Frau Leitner, tragen Sie heute Kleidungsstücke aus Zellulosefasern?

Ohne einen genaueren Blick darauf zu werfen, würde ich sagen, dass meine Unterwäsche aus Modalfasern besteht. Ansonsten trage ich einen Schal aus unserer eigenen Produktion hier im Textilen Zentrum Haslach, der aus Tencel besteht. Meine restliche Kleidung besteht aus Baumwolle.

Was ist der Vorteil von Unterwäsche aus Modal im Unterschied zu Baumwolle?

Die Saugfähigkeit ist ähnlich, das ist bei allen Materialien, die man auf der Haut trägt, entscheidend. Mit Modalfasern kann man ­allerdings ein sehr feines, zartes Gewebe erzeugen, das in der Strickerei und der Wirkerei zu sehr feinen Qualitäten verarbeitet werden kann.

Ist Unterwäsche das Haupteinsatzgebiet von Modalfasern?

Wirkwaren sind ein Haupteinsatzgebiet, ja. Tencel, die neuere Generation von Zellulosefasern, wird bei uns häufig für Bettwäsche benutzt. Da ist die Saugfähigkeit des Materials ebenfalls wichtig, aber auch der Glanz, das edle Schimmern des Textils, seine Farbechtheit.

Wie erkennt man als Konsument den Unterschied zwischen Modal und Tencel?

Ein einfaches, greifbares Merkmal gibt es nicht. Wir setzen Modal immer dann ein, wenn es um elastische Flächen geht. Tencel ist dagegen stabiler, griffiger und körniger in der Haptik. In der Webmaschine ist Tencel des­wegen auch einfacher zu verarbeiten. Modal ist weicher, es flust auf der Maschine, hat etwas mehr Oberflächenabrieb, Tencel hat dagegen eine fast seidige, glatte Struktur. Das sieht man auch bei den fertigen Produkten.

Arbeiten Sie auch mit anderen natürlichen Kunstfasern wie etwa Cupro oder Acetat?

Kaum, das hat aber in erster Linie mit unserem Kooperationspartner, der Lenzing ag, zu tun, für die wir die Garne auch testen und Designs entwickeln. Generell ist der Einsatz von Acetat und Cupro allerdings im Abnehmen begriffen, und zwar aus Umweltgründen.

Welche Rolle spielen Umweltgründe bei der Auswahl Ihrer ­Materialien?

Eine große. Lässt man die erste Generation von Viskosefasern ­außer Acht, dann muss man sagen, dass Regeneratfasern gegenüber herkömmlicher Baumwolle umwelttechnisch viel besser ­abschneiden. Aber natürlich ist auch im Baumwoll-Bereich viel in Bewegung, Stichwort Fair-Trade-Baumwolle.

Die Regeneratfasern, die Sie benutzen, werden in Oberösterreich erzeugt. Ist der regionale Aspekt wichtig?

Absolut. Das Textile Zentrum Haslach ist eine Organisation, die mehrere Partner unter einem Dach vereint, es gibt einen starken kulturellen Aspekt, wir haben ein Museum, Fortbildungseinrichtungen. Unsere Produktion steht unseren Besuchern offen, unser Anspruch ist also durchaus auch ein volksbildnerischer. Uns ist es wichtig, eine zusammenhängende und in sich konsistente ­Produktkette darstellen zu können. Wir möchten Alternativen zu Materialien, die traditionell im Mühlviertel erzeugt werden, wie etwa Leinen oder Schafwolle, aufzeigen.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit der Lenzing AG aus und wer wählt die Materialien aus?

Seitdem es das Textile Zentrum Haslach gibt, arbeiten wir mit der Forschungsabteilung von Lenzing zusammen. Wir testen verschiedene Garne, die teilweise noch gar nicht auf dem Markt sind, oder entwickeln für Messeproduktionen oder Großkunden Designs. Das Material wird deshalb in Absprache mit Lenzing ausgewählt, oft sind es Mischungen, weil man zum Beispiel schauen möchte, wie sich ein Material verhält, das zu 50 Prozent aus Modal und zu 50 Prozent aus Baumwolle in der Kette besteht.

Und wie verhält es sich?

Mindestens genauso saugfähig und angenehm auf der Haut wie herkömmliche Baumwolle. Bei Frottee setzen wir das etwa ein.

Welche Chancen geben Sie Regeneratfasern im herkömmlichen Mode­bereich?

Da gibt es viel Potenzial, das Material muss die Mode erst erobern. In erster Linie geht es um Aufklärungsarbeit, Materialien wie ­Modal oder Tencel sind vielen noch unbekannt, das klingt furchtbar chemisch und qualitativ nicht so hochwertig wie Naturmaterialien. Dabei belasten gerade Naturmaterialien die Umwelt oft sehr!

Christina Leitner

ist wissenschaftliche Leiterin des Textilen Zentrum Haslach, einem Verein, der es sich zur Auf­gabe gemacht hat, die textile Tradition des Mühlviertels weiterzuführen. 2012 wurde Christina Leitner für ihre Wendebettwäsche aus Tencel- und Modalfasern mit dem Slow Fashion Award aus­gezeichnet.

Stephan Hilpold

geboren 1974 in Brixen/I, seit 2005 Moderedakteur der Tageszeitung Der Standard

Foto:

© Hertha Hurnaus Wien/A, www.hurnaus.com