Inhalt

Wohnen in Massivholzboxen

Seniorenwohnhaus in Hallein

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 50: Konfektionen in Holz
Juni 2013, Seite 6ff.
Ablauf bis zur Fertigstellung

Wettbewerb

Der Thalgauer Architekt Simon Speigner hatte 2008 den Wettbewerb für den Neubau des Seniorenwohnhauses in Hallein gewonnen. Obwohl sein Büro sps-architekten mit wegweisenden Holzbauten wie dem Wohnbau Samer Mösl in Salzburg oder dem Sportpark Lissfeld in Linz bekannt geworden ist, hatte Speigner für das Altenwohnheim ­einen Massivbau, wie in der Wett­bewerbsauslobung gefordert, entworfen. Mit einem Holzbau, sagt er, hätte er den ­Wettbewerb nie gewinnen können – dafür seien die Vor­urteile dem ­Holzbau gegenüber ­gerade bei ­dieser Bauaufgabe einfach zu hoch.

Planung

Dass aus dem Massivbau dennoch ein Holzbau geworden ist, ist zwei Umständen zu verdanken: dem komplizierten Bauzeitenplan und der Tat­sache, dass ein Altenwohnheim mit seinen immer gleichen Zimmern geradezu prädestiniert für ­eine serielle Fertigung ist. Der Betreiber hatte in der Wettbewerbsauslobung festgelegt, dass während der Bauzeit immer hundert Betten für die Bewohner zur Verfügung stehen müssten. Des­halb sahen sps-architekten in ihrem Wettbewerbsbeitrag vor, den Altbau in drei Bauetappen zeitversetzt nacheinander abzureißen, wieder aufzubauen und die alten Menschen nach und nach in den Neubau zu übersiedeln. Um einige Monate an Bauzeit einzusparen und die Belas­tung für Bewohner und Mitarbeiter zu verringern, schlug Simon Speigner dann doch vor, die benötigten Betten in ein Provisorium auszulagern, den Altbau ganz abzureißen und dafür ­einen Holzbau mit hohem Vorfertigungsgrad zu errichten. Simon Speigner erinnert sich, dass der Bauherr nur wissen wollte, ob dies kostengleich zu haben sei, was der Architekt bejahte. Damit war die Entscheidung für den Holzbau gefallen.

Ausschreibung und Vergabe

Für Simon Speigner und sein Team bedeutete die andere Materialität eine komplette Umplanung des bereits ­fertiggestellten Einreichplans. In der Angebots­phase kam dann der Nervenkitzel hinzu, ob auch ­ge­nügend Holzbaufirmen ein Angebot ­abgeben würden. Immerhin ist die Holzzellenbauweise eine sehr junge und spe­zialisierte Art zu bauen. Technische Fragen hatte Speigner im Vorfeld mit einem Unternehmen klären können, das auf die Planung und ­Umsetzung von Holzbausys­temen – wie zum Beispiel die serielle Produktion von Raumzellen – spezialisiert ist. Für den Neubau des Seniorenwohnhauses bot ­diese Firma 136 fix und fertig ausgebaute Zimmereinhei­ten an, inklusive der Her­stellung und Montage der Massivholzdecken in den Fluren. Die Baumeisterarbeiten und die Ausbau­ar­beiten in den allgemein zugänglichen Bereichen wurden getrennt vergeben.

Auf den Schienen standen zwanzig Boxen in ­einer Reihe, die von den Zimmerleuten zu­sammengebaut worden waren und dann von insgesamt 13 Gewerken, dem Installateur, ­Fensterbauer, ­Maler, Bodenleger, Tischler usw., komplettiert wurden.

Vorfertigung

Für die Produktion wurde eine Halle in Kalwang in der Steiermark angemietet – ganz in der Nähe der Produk­tionsstätte der Brettsperrholzplatten, aus denen die Boxen zusammengebaut wurden. In der leer stehenden Halle wurde eine Schienenanlage aufgebaut, auf der die Boxen nach jedem Arbeitsschritt um eine Posi­tion weitergerückt werden konnten. Erst wurde die Box zusammengebaut und – auf den Schienen verschoben – von den Handwerkern Schritt für Schritt komplettiert: Dem Maler folgte der Boden­­leger, dem Fliesenleger der Installateur und so weiter. »In Reuthe wissen die Handwerker, die schon ein paar Mal mit uns zusammengearbeitet haben, was es heißt, vorzuferti­gen«, erzählt Christian Kaufmann, Pro­kurist bei Kaufmann Bausysteme. Da die Firma aber nicht alle ihre Handwerker aus Vorarlberg mitnehmen konnte, suchte sie im Vorfeld die infrage kommenden steirischen Hand­werksbetriebe auf und erklärte ihnen die Parameter ­einer Fertigungsstraße. Erst dann holte sie entsprechende Angebote ein. Logistik und Koordination der Handwerker sind bei so einer Vorfertigung von Raumzellen besonders aufwendig: Die Anlieferung muss immer just in time ­passieren – sonst steht die ganze Fertigungsstraße still.

Erst nachdem alle 136 Boxen fertig gestellt und ­regendicht verpackt waren, wurden sie zur Baustelle transportiert: Jede Nacht fuhren zehn bis zwölf Lkws mit jeweils einer Box beladen nach Hallein, um die vorgefertigten Zellen dort am nächsten ­Morgen direkt zu montieren.

Montage

Ist der Container am Ende der Fertigungsstraße angelangt, wird er regendicht verpackt und gelagert. Erst nachdem die gesamte Produktion der Raumzellen abgeschlossen war, wurden die Holzboxen nach Hallein transportiert. Nacht für Nacht setzte sich dann ein Konvoi von etwa zehn Lkws als Sondertransport von Kalwang nach Hallein in Bewegung. Auf einem Parkplatz in der Nähe der Baustelle warteten die Lkws, bis am Morgen die Boxen montiert werden konnten. Während drei bis vier Raumzellen pro Tag produziert wurden, ging die Montage mit zehn bis zwölf Boxen pro Tag wesentlich schneller. »Natürlich sind die Transportkosten höher als bei einer klassischen Bauweise«, weiß Christian Kaufmann, »dafür aber gibt es nur eine Anlieferung und Baustellenabfälle gibt es gar keine.« Eine Raum­Zellen­fertigung ergebe aber nur Sinn, so Kaufmann, wenn viele gleiche Räume benötigt würden, wie bei einem Hotel, einem Senioren- oder Studentenheim. Erst ab ­etwa dreißig bis vierzig Stück gleichen Raumtyps rechne sich so eine serielle Zimmerproduktion.

Fertigstellung

Verglichen mit der kurzen Produktionszeit von zweieinhalb Monaten scheint der restliche Innenausbau im Erdgeschoss, in den Fluren und den Allgemeinberei­chen langsam voranzuschreiten. Da die Zimmer bis auf die Montage der mobilen Einrichtung wie Vorhänge oder Bett bezugsfertig sind und Wasser oder Elektrik vom Flur aus angeschlossen werden können, gibt es für die Handwerker keinen Grund mehr, eines der Zimmer zu betreten. Bei unserem Besuch auf der Baustelle waren dann auch alle Zimmer ­abgeschlossen und keines von innen zu besichtigen. Das ist bezeichnend für ein Ge­bäude mit einem so hohen Vorfertigungsgrad.

Fotos:

© Andrew Phelps, sps-architekten

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at

Seniorenwohnhaus in Hallein/A

Standort

Parkstraße 1, Hallein/A

Bauherr

Stadtgemeinde Hallein, Hallein/A, www.hallein.gv.at

Planung

sps-architekten zt gmbh, Thalgau/A, www.sps-architekten.at

Holzbau

Kaufmann Bausysteme, Reuthe/A, www.kaufmannbausysteme.at