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Essay

Nachhaltigkeit - ein Synonym für zukunftsorientiertes Handeln

Joachim Hamberger
Erschienen in
Zuschnitt 51: Der Wald
September 2013, Seite 4ff.

»Die Begriffe, die man sich von etwas macht, sind sehr wichtig. Sie sind Griffe, mit denen man Dinge bewegen kann«, sagt Bertolt Brecht. Er meint damit, dass Veränderungen von Verhältnissen auch von der Klarheit und der verlässlichen Wirkungsweise von Worten abhängen. Nachhaltigkeit ist ein solcher Begriff, mit dem viele versuchen, etwas zu bewegen: Manche fordern damit genügsamere Lebensstile ein, andere wollen damit ihre Produkte vermarkten, wieder andere stellen sich damit als verantwortungsvoll und langfristig denkende Menschen dar. Sehr vielen Menschen sagt das Wort Nachhaltigkeit aber gar nichts – oder schlimmer: Es ist für sie ein Modewort, das von jedem für alles verwendet werden kann. Wofür also steht Nachhaltigkeit? 

1713 verwendet Hans Carl von Carlowitz den Begriff zum ersten Mal. Er beschreibt damit eine Wirtschaftsweise, bei der Natur und menschliche Nutzung im Gleichgewicht liegen. Carlowitz macht dies am Beispiel des Waldes deutlich, sein Buch heißt »Anweisung zur Wilden BaumZucht« und der Titel ist Programm: Wilde Bäume, so Carlowitz, müssten jetzt und heute gepflanzt und als Wald gepflegt werden, damit auch die zukünftigen Menschen Holz nutzen könnten. Um die Bedeutung dieser Aussage zu verstehen, muss man sich in seine Zeit zurückdenken: Es ist die Zeit des Barock und der beginnenden Aufklärung. Damals gibt es nur erneuerbare Energien: Mit Wasserkraft wird gemahlen, gesägt und Eisen gehämmert, Mobilität und Transport hängen an der Kraft von Ochsen und Pferden und alles, was gewärmt, erhitzt oder geschmolzen werden muss, braucht die Kraft des Feuers, das von der Verfügbarkeit von Holz und Holzkohle abhängt. Auch die Rohstoffe sind vor 1800 nachwachsend und erneuerbar: Ein Drittel der Feldflächen wird für die Nahrung der Zugtiere benötigt; das Holz ist der zentrale Roh- und Wertstoff der Wirtschaft. In Häusern, Ställen, in Brücken wird Holz verbaut, Schiffe und Wagen entstehen aus Holz, auch Löffel, Schüsseln und Fässer. Die gesamte Lebenswelt ist geprägt von Holz. Sogar die Basisstoffe der chemischen Industrie stammen aus dem Wald: Schmierstoffe und Laugen, Gerbstoffe für die Lederherstellung oder Flussmittel für die Glaserzeugung sind Baumprodukte. Die gesamte Wirtschaft ist vollkommen auf den Rohstoff Holz angewiesen. Wachstum und Wirtschaftskraft folgen den Rohstofflieferungen aus dem Wald. Wohlstand hängt im 18. Jahrhundert am Waldzustand. Aber gerade in dieser Zeit wächst die Bevölkerung extrem stark. Dadurch steigt die Holznachfrage und es kommt immer öfter und andauernder zu Engpässen in der Versorgung. Ganze Landstriche sind verheidet oder nur dünn bestockt. Es ist das Anliegen der damaligen Landesherren, den Rohstoff- und Energiefluss aus dem Wald sicherzustellen, weil es für die Stabilität ihrer Volkswirtschaften wichtig ist.

Von Nachlässigkeit zur Nachhaltigkeit

Genau in dieser Zeit schreibt Hans Carl von Carlowitz sein Buch über den Waldbau. Er ist kein Förster, sondern als Oberberghauptmann zuständig für den Bergbau in Kursachsen. Und der Bergbau braucht damals eine Menge Holz: zum Ausbau und Abstützen der Schächte, für das Pumpen und Ableiten des Grubenwassers, zum Schmelzen und zum Transport der Erze. Auch im Bergbau hängt also der wirtschaftliche Erfolg an der kontinuierlichen Holzlieferung aus dem Wald. Carlowitz ist der Cheforganisator, der das Ganze im Blick haben muss. Er stellt große Mängel in der Bewirtschaftung der Wälder fest: Es wird mehr geerntet als nachwächst, Jungwald wird nicht nachgepflanzt. Und Vieh und Wild fressen das Wenige weg, das sich von alleine verjüngt. Das wird in der Zukunft Einschränkungen für den Bergbau und die gesamte Wirtschaft bedeuten, sieht der verantwortungsvolle Manager Carlowitz voraus. Das bewegt ihn tief, er sieht es als Unrecht am Erbe der kommenden Generationen. Deshalb schreibt er, der sich jahrzehntelang um die Holzbeschaffung und die Pflege der Wälder bemüht hat, am Ende seines Lebens sein Wissen – gleichsam als Vermächtnis – in einem Buch nieder.

Der Blickwinkel des Hans Carl von Carlowitz – und das ist wichtig – ist kein speziell forstlicher, sondern ein ganzheitlicher. Er sieht den Wald als zentrale Energie- und Rohstoffressource, auf die die Volkswirtschaft angewiesen ist. Er weist auf den übermäßigen Ressourcenverbrauch hin und zeigt die Folgen dieser, wie er es nennt, nachlässigen Nutzung auf. Nachlässig, das ist für ihn das Reizwort für gedankenlosen Verbrauch, der nicht wirtschaftlich organisiert und planerisch beschränkt und deshalb auch nicht auf Dauer ausgerichtet ist. Zwischen den Zeilen ist immer wieder sein Zorn zu spüren, z. B. wenn er das Strafgericht Gottes auf die herabwünscht, die mit ihrer Nachlässigkeit das Erbe ihrer Nachkommen gefährden. Carlowitz setzt dieser Nachlässigkeit den Begriff der »nachhaltenden Nutzung« entgegen und fordert zu aktivem Handeln und zu positivem Gestalten auf: zum Nachziehen (Zucht) der wilden Bäume durch Säen und Pflanzen. Gleichsam zwei Fäden ziehen sich so durch sein Buch: ein roter »Warn«-Faden, der immer wieder beschreibt, wie es nicht sein soll – nachlässig verschwendend –, und ein grüner »Leit«-Faden, der zeigt, wie es sein soll – nachhaltend wirtschaftend mit Verjüngung, Pflege und angemessener Nutzung. Sein Fazit: Nachhaltende, also auf Dauer angelegte sparsame Nutzung ist nötig, um den Wohlstand des Landes zu sichern. Hans Carl von Carlowitz komprimiert die Lehre seines Buches und die forstliche Erfahrung vieler Jahrhunderte in nur zwei Worten: »nachhaltende Nutzung«. Diese Wortschöpfung ist neu, vor ihm hat sie noch niemand verwendet. Mit dem Begriff der »nachhaltenden Nutzung« setzt er die Vision einer vom Menschen gestalteten Ordnung gegen den Horror eines nachlässigen und gedankenlosen Plünderns, das für die Nachkommen Chaos bedeutet.

Ansätze nachhaltiger Forstwirtschaft gab es auch schon vor Carlowitz, aber er ist der Erste, der es »ins Wort« bringt, dem es gelingt, die Idee der ethischen Verantwortung zwischen den Generationen in einem Begriff zu fassen. Nachhaltende Nutzung wurde nach Carlowitz nochmals zu Nachhaltigkeit verdichtet und zum Leitgedanken der sich in der Aufklärung entwickelnden Forstwissenschaft.

Industrielle Revolution: Emanzipation vom Wald

Im 19. Jahrhundert führt vor allem die Dampfmaschine und die sich daran anknüpfende industrielle Revolution zu einem rapide wachsenden Energiebedarf, der unmöglich aus den Vorräten der Wälder gedeckt werden kann. Der Rohstoff Holz wird knapp. Einen Ausweg bieten die in Fülle vorhandenen »unterirdischen Wälder« aus Steinkohle, die mit Nachdruck erschlossen werden. Das ermöglicht Energieverzehr und Wachstum, die keine Grenzen zu kennen scheinen. Mit der neuen, erdgeschichtlichen Energie löst sich die Produktion von den als Fesseln empfundenen nachwachsenden Rohstoffen. Mit der industriellen Revolution beginnt nun ein fossiles Zeitalter, das nicht mehr von den Früchten der eigenen Zeit lebt, sondern die Speicher der Vergangenheit verzehrt. Kohle, Erdgas, Erdöl ersetzen seither Brennholz; Stahl, Glas, Beton verdrängen Bauholz. Das hat auch positive Seiten, denn der Wald wird entlastet.

Die Forstwirtschaft kann so das Prinzip der Nachhaltigkeit weiterentwickeln und in verschiedenen Varianten auf der Fläche ausprobieren. Es muss aber angemerkt werden, dass die heutige Forstwirtschaft zwar in sich nachhaltig ist, dies auf unser Wirtschaftssystem als Gesamtes jedoch in keiner Weise zutrifft. In der Forstwirtschaft wurde der Schritt zur nachhaltenden Nutzung tatsächlich erst vor 200 Jahren vollzogen, seitdem man an Forstschulen und Universitäten nachhaltige Forstwirtschaft lehrt und weiterentwickelt. Erst durch Bildung wurde eine Tradition nachhaltigen Denkens kultiviert. Im Forst ist im Gegensatz zu vielen anderen Fragen unserer Zeit das Nachhaltige noch sehr konkret und verständlich, es ist begreifbar.

Nachhaltigkeit heute

Eine zweite Phase der Begriffsgeschichte beginnt mit dem 1987 veröffentlichten Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, der meist als Brundtland-Bericht bezeichnet wird. Darin wird, erstmals auf globaler Ebene, nachhaltige Entwicklung definiert. Die UN-Konferenzen für Umwelt und Entwicklung 1992, 1997 und 2002 greifen dies auf und führen es fort. Hier geht es um einen ganzheitlichen Ansatz, um die Integration von Umweltschutz und Armutsbekämpfung, also um den Zusammenhang zwischen globaler und intergenerationeller Gerechtigkeit. Im Kern des Begriffs steckt nach wie vor das Prinzip, wie es von Carlowitz beschrieben wurde, er führt jedoch weit über den Bereich der Forstwirtschaft hinaus. Mit der Konferenz von Rio 1992 wurde »sustainable development« zum Programm für eine globale Partnerschaft mit den gleichberechtigten Zielen »ökologische Tragfähigkeit«, »soziale Gerechtigkeit« und »wirtschaftliche Effizienz« (Dreisäulenkonzept).

Der moderne, weite Nachhaltigkeitsbegriff und der forstlich-technologische Nachhaltigkeitsbegriff haben als große Gemeinsamkeit ein Denken von der Zukunft her, das als Konsequenz ein Handeln im Heute fordert. Beide Begriffe setzen auf ein ethisches Bekenntnis zur Zukunftsverantwortung und Zukunftsgestaltung; sie fordern entsprechende technische und operative Schritte. Nachhaltigkeit ist heute ein Dachbegriff, der vieles integriert und deswegen auch schwammig bleibt. Trotzdem ist der Begriff heute unbedingt notwendig. Er ist sogar unentbehrlich, weil er Brücken baut zwischen wirtschaftlichem Handeln und ethischer Verantwortung, zwischen Gegenwart und Zukunft, zwischen Ursache und Wirkung. Nachhaltigkeit führt weg von der Nachsorge hin zur Vorsorge, weg vom linearen hin zum systemischen Denken. Kein anderer Begriff bündelt in sich so sehr soziale, ökonomische und ökologische Interessen im Hinblick auf zukunftsfähige Entwicklung.

»Wird derhalben die größte Kunst / Wisenschaft / Fleiß und Einrichtung hiesige Lande darinnen beruhen / wie eine sothane Conservation und Anbau des Holtzes anzustellen / daß es eine continuierliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe / weiln es eine unentbehrliche Sache ist / ohne welche das Land in seinem Esse nicht bleiben mag.«
Hans Carl von Carlowitz

Wer Holz haben will, muss es säen oder pflanzen. In Sachsen ordnete der Kurfürst an, dass jedes junge Ehepaar mehrere Bäume pflanzen müsse. Aber weil das Wissen fehlte, gingen viele dieser Bäume ein.
Holländerholz: Im schweizerischen Aargau wachsen riesige Tannen. Mindestens 130 Schuh Höhe mussten sie haben, um sie als Mastbäume zu Flößen gebunden den Rhein hinunter nach Holland zu bringen. Denn nur die größten Bäume mit bestimmten Maßen kamen für den langen und teuren Transport infrage.
Im Winter sollten geschickte Holzhauer die großen Bäume schlagen, damit sie beim Fallen nicht splitterten. Durch die Verwendung von Sägen war der Verlust geringer als bei der Bearbeitung mit der Axt. Noch vor dem Frühjahr musste das Holz abgefahren werden, damit die Verjüngung nicht beschädigt wurde.

Literatur:

Sylvicultura oeconomica oder Haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht, Hans Carl von Carlowitz
Joachim Hamberger (Hg.), oekom,
München 2013, Euro 49,95

Bilder:

© Adam Lonicer, in: Naturalis historiae opus novum, 1552, Staatsbibliothek Berlin/bpk; Matthäus Merian, in: Landschaften der Basler Zeit nach Anton Mirou und Paul Bril, 1620–1622, Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig; Michel van Lochom, Holzarbeiter bei der Arbeit, 1626–1650, Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel

Text

Joachim Hamberger

lehrt an der FüAk in Landshut, an der TU München und der Hochschule Weihen- stephan-Triesdorf Forst- und Umweltgeschichte, er ist Vorsitzender des Vereins für Nachhaltigkeit e. V. und Sprecher des Bündnisses Nachhaltigkeit Bayern