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Essay

Schule für heitere Tätigkeiten

Gert Kähler
Erschienen in
Zuschnitt 55: Holz bildet
September 2014, Seite 4f.

»Das Gebäude bewirkt schon selbst Cultur, wenn man es von ­außen ansieht und hineintritt. Die rohsten Kinder, die solche Treppen auf- und abgehen, durch solche Vorräume durchlaufen, in solchen heiteren Sälen Unterricht empfangen, sind schon auf der Stelle aller düstern Dummheit entrückt und sie können einer heitern Thätigkeit ungehindert entgegen gehen.« Was hier der alte Geheimrat von Goethe zu einer Schule schreibt, deren Entstehung er begleitet hat, klingt schön – zu schön? Es muss dringend hinterfragt werden: Kommt es bei unseren Schulen heute wirklich darauf an, heiteren Tätigkeiten nachzugehen? Und wird man in unseren sehr viel schöneren Schulgebäuden wirklich aller düsteren Dummheit entrückt?

Eines war schon zu Goethes Zeiten klar: Die Schule ist eine ­Angelegenheit des Staates; was es an privaten Einrichtungen gibt, von Waldorf bis Salem, kann hier vernachlässigt werden. Der Staat bestimmt, was zu tun ist; er behauptet, es sei »seine Verantwortung« – gemeint ist damit: Der Staat will seine eigene Reproduktion sichern. Schule dient nicht in erster Linie dazu, die Freiheit der Entscheidung nach Maßgabe der maximalen Fähigkeiten der Schüler zu fördern, sie dient nicht dem Ziel der Selbstverwirklichung der Individuen, sondern sie dient der Reproduktion von Staatsbürgern. Das schließt nicht aus, dass sich zwischen den beiden Zielen Berührungspunkte ­ergeben, es ist aber nicht zwingend der Fall – Diktaturen haben andere Ziele als Demokratien.

Der Bau, in dem das geschieht, soll diese Ziele in Architektur ­umsetzen – der Bauherr ist schließlich derselbe, der die Lernziele vorgibt. Deshalb sehen Schulen aus der Kaiserzeit in Deutschland und Österreich wie Kasernen aus. Deshalb sind Schulbauten wie die von Hans Scharoun, Günter Behnisch oder Peter Hübner ebenso selten wie die von Szyszkowitz-Kowalski. Sie sind Glücksfälle im System. Möglicherweise sind diese Schulbauten auch teurer als die »normalen« aus addierten rechtecki­gen Klasseneinheiten, die immer noch den Schulbau dominieren; aber was ist »zu teuer«, wenn es um die Reproduktion des Staates geht?

Was ist »zu ­teuer«, wenn, wie überall verkündet, Bildung das höchste Ziel der Mensch­heit, zumindest aber einer erfolgreichen Volkswirtschaft ist? ­Nehmen wir einmal an, eine Schule der ­genannten Architek­ten sei 10 Prozent teurer, schaffe es aber, durch die Vermittlung Goethe’scher »Heiterkeit« die Schüler um 20 Prozent besser zu machen als eine »normale« Schule:
Was rechnet sich dann?

Es ist ja viel schlimmer: Das »Normale«, das »Lernen im Gleichschritt« (Otto Seydel) ist genau die Absicht. Und wenn der ­Schulbau-Architekt Arno Lederer über Schulbauarchitektur sagt, sie sei »eine öffentliche Sache und nicht die Privatangelegenheit von einzelnen Lehrern, Schülern oder Schulgemeinschaften. Sie ist Teil der Stadt und Teil einer Gemeinschaft von Gebäuden, die ­unseren gemeinsamen öffentlichen Raum ausmachen«, dann hat er natürlich recht – aber wie viel Qualität (und damit auch: wie viel Geld) sind wir bereit, dem öffentlichen Raum zu geben? Wie sehr sind wir bereit, das Nicht-Angepasste zum Maßstab zu machen und zu fördern?

Das Nicht-Angepasste zum Maßstab machen – das ist ein Widerspruch in sich, und deshalb wird es auch nur in Einzelfällen ­gelingen. Aber es bleibt ein, nein: das Ziel. Man kann ja die Erfinder von Regeln, von Schulbaurichtlinien, von Vorschriften über ­Klassengrößen, Finanzierungskonzepten, von allem, was genormt werden kann und deshalb genormt wird, man kann sie ja verstehen: Es hilft uns, uns zurechtzufinden. Es hilft uns, zu prüfen, Verschwendung zu begrenzen. Es hilft uns, Ordnung in der Welt herzustellen. Nur den Schulkindern hilft es nicht, denn deren ­Perspektive ist die Zukunft, nicht die Reproduktion, die das Vergangene als Maßstab hat.

Schule muss – müsste! – das Denken des Neuen möglich machen und fördern, nicht das Korsett des Gestern, das ja schon im ­Begriff der »Re-Produktion« liegt. Wie man das macht? Da gibt es keine Rezepte (das »Rezept« wäre ja wieder genau das Gegenteil).

Es gilt: Offenheit für Neues. Neugierig machen. Chancen bieten. Unerlässlich ist: Die Schule muss in die Stadt. Schule ist kein Selbstzweck, sondern ein Ort, an dem man Erfahrungen machen kann. Und das geht in einem Umfeld am besten, in dem man nicht isoliert ist. Die Stadt – das Umfeld – ist der Erfahrungsschatz, einschließlich ihrer ungenutzten Räume. Dann eröffnen sich neue Chancen zur Einbindung von Schule in die Öffentlichkeit.

Louis I. Kahn hat gesagt, die »Schule nahm dort ihren Anfang, wo ein Mensch, der nicht wusste, dass er ein Lehrer war, seine ­Erkenntnisse mit ein paar anderen Menschen unter einem Baum diskutierte, die nicht wussten, dass sie Schüler waren«. Diese Unschuld gilt es wieder zu erreichen, und es wird – buchstäblich! – eine Sisyphusarbeit sein, weil sie unsere, die erwachsene Reflexion infrage stellen muss. Und ein zweiter Punkt: Schule muss nicht nur im »Schulgebäude« stattfinden; sie kann sich andere Räume suchen. Was sagt uns die Tatsache, dass die Rütlischule in Berlin vor zehn Jahren als schlimmster »sozialer Brennpunkt« galt und heute als Vorzeigeprojekt gilt – im selben Gebäude? Der Rest ist einfach: Macht die Dinge kostbar, nicht nur praktisch, haltbar und pflegeleicht. Und: Vertraut den Kindern, nicht den Vorschriften!

Macht die Dinge kostbar, nicht nur praktisch, haltbar und pflegeleicht.

Text

Gert Kähler

freiberuflich als Journalist und Wissenschaftler tätig, geboren 1942 in Hamburg, Studium der Architektur tu Berlin, 1981 Promotion, 1985 Habilitation, seit 1988 zahlreiche Veröffentlichungen zu Themen der Stadt und der Architektur des 20. Jahrhunderts, mehrere Schulbücher über Architektur.