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Lehrjahre des Holzes

Vom Baum zur Geige

Esther Pirchner
Erschienen in
Zuschnitt 56: Holz hören
Dezember 2014, Seite 10f.

Was macht den Klang eines Saiteninstruments aus? Kommt es auf das verwendete Holz an und auf seine physikalischen Eigenschaften? Liegt es daran, wo ein Stamm gewachsen ist, wann er gefällt, wie er aufgespalten und gelagert wird? Oder gibt vielmehr die Meisterschaft des Geigenbauers den Ton an, die Art, wie er die Teile zuschneidet, bearbeitet und zusammenfügt?

Spricht man vom Material, so muss man etwa Grundierung und Lack mitdenken, auch wenn das Instrument vor allem aus Holz gemacht ist: Zarge, Boden, Hals und Steg aus Riegel-Ahorn mit seiner besonders schönen, changierenden Maserung; Griffbrett, Wirbel und Saitenhalter aus Ebenholz, das sehr hart und stabil ist; die Decke des Korpus und der Stimmstock im Inneren aus Fichte.

Die Fichte, genauer die Gemeine Fichte (Picea abies) aus den Gebirgsregionen der Alpen, ist jenes Holz, das für den Klang die größte Bedeutung hat, erläutert der Forstwissenschaftler Andreas Pahler, der sich auf Resonanzholz für den Streichinstrumentenbau spezialisiert hat und seine Hölzer weltweit verkauft. Der Werkstoff ist sehr leicht, dabei zugleich stabil und biegsam. Um Tonholz zu gewinnen, wählt Pahler, der im bayerischen Raum tätig ist, gerade gewachsene, astfreie Bäume aus, die auf über 1.000 Metern Seehöhe und damit sehr langsam gewachsen sind. Dadurch liegen die Jahrringe dicht beieinander, das Spätholz ist sehr dünn. Eine geringe Rohdichte und eine hohe Schallgeschwindigkeit sind ebenfalls Werte, auf die bei Resonanzholz geachtet wird.

Ob das Holz eher »widerspenstig oder gefällig« ist, sich mehr oder weniger verzieht, zeigt sich erst, nachdem der Stamm in kleinere Längen zersägt, diese aufgespalten und ein Jahr lang getrocknet wurden. Erst dann werden die Teile ihrer künftigen Verwendung für Geigen, Gitarren oder Celli zugeordnet, kleiner geschnitten, weitere ein, zwei Jahre getrocknet und im Anschluss gehobelt und gelagert. Bis ein Geigenbauer ein solches Stück Tonholz in die Hand bekommt, vergehen insgesamt rund fünf Jahre, und meist wägt er sehr genau ab, aus welchen Stücken er seine Instrumente baut.

Ein gutes Holz verschaffe einem Geigenbauer immer einen Vorteil, sagt Pahler. Bei aller Sorgfalt, die er auf die Qualität verwendet, hängt der ausgezeichnete Klang einer Geige aber davon ab, wie ein Instrumentenbauer mit dem vorhandenen Material umgeht. Wissenschaftlich erforscht und durch jahrelange Erfahrung immer mehr perfektioniert hat die Möglichkeiten der Klanggestaltung der Geigenbauer und Phonetiker Stefan-Peter Greiner. Eine Untersuchung zur Klangabstrahlung von Geigen, die er mit dem Physiker Heinrich Dünnwald durchführte, ergab, dass Geigenklang als besonders schön wahrgenommen wird, wenn er dem Klang der menschlichen Stimme ähnelt. Diesem Ideal kommt Greiner sehr nahe, und er ist damit außerordentlich erfolgreich: Seine Violinen, Bratschen und Violoncelli zählen zu den ganz wenigen modernen Instrumenten, die Solisten neben oder statt einer Stradivari oder Guarneri im Konzert spielen.

Selbstverständlich arbeitet auch Greiner mit einer regelmäßig gewachsenen Alpenfichte, aber mit einem Stamm, der ursprünglich nicht als Tonholz gedacht war. Diesen hat er vor etlichen Jahren bei einem Holzhändler in Tirol erworben und vor allem aus ästhetischen Gründen ausgewählt, ihn in zehn Stücke à 50 cm aufteilen und diese aufspalten lassen. 300 Decken hat er daraus schon gemacht, für 300 bis 400 weitere wird das Holz noch reichen. Die Holzeigenschaften, da sind sich Pahler und Greiner einig, sind auch innerhalb eines ganz regelmäßigen, feinjährigen Stammes nicht überall gleich. Während aber laut Pahler nur rund 20 Prozent eines guten Stammes für den Instrumentenbau geeignet sind, betont Greiner, dass diese Unterschiede für den Klang kaum eine Rolle spielten (und er einen Zusammenhang auch physikalisch nicht habe nachweisen können). Vielmehr komme es auf die Konstruktion an: »Ich kann das Material nicht ändern, aber ich kann darauf reagieren.« Eine Decke aus weicherem Holz wird meist dicker ausfallen als eine aus härterem, der Klang – wie bei der Gesangsstimme – einmal dunkler, einmal heller.


Die Klangeinrichtung nimmt Greiner schon vor, bevor er den Lack aufbringt, indem er die Holzstärken von außen minimal verändert. Den allerletzten Schliff erhält das Instrument aber erst, nachdem es einige Zeit gespielt wurde, weil auch das Spielen den Klang beeinflusst. Durch das Verschieben des Stimmstocks, Veränderungen am Steg oder an den Saiten wird dann das Klangbild noch variiert – so lange, bis der Gesang der Geige dem Musiker, der sie spielt, am schönsten in den Ohren klingt.


Fünf Jahre sind das Minimum: Das Holz muss lange trocknen und lagern, bevor es zu einem Instrument verarbeitet werden kann.

Alpentonholz Pahler
Mittenwald und Markt Indersdorf/D
www.alpentonholz.de

Geigenbauwerkstatt Stefan-Peter Greiner
London/GB
www.greinergeigen.de

Fotos

© Philippe Domont

Text

Esther Pirchner
ist Journalistin mit Schwerpunkt Musik, Lektorin und Autorin von Programmbüchern.