Inhalt

Auf Geschichte stehen

Michael Hausenblas
Erschienen in
Zuschnitt 57: Altes Holz – neu gedacht
März 2015, Seite 27

Wie in Wien so auch hier in Bezau: Die Wiederverwendung von altem Holz schafft Atmosphäre.

Einer der schönsten Vorzüge, den der Werkstoff Holz vorzuweisen hat, ist zweifelsohne jener, dass er lebt. Und wenn etwas lebt, dann kann es auch mit Geschichten aufwarten. Die Geschichten, die Holz erzählen kann, werden sichtbar in Form von Jahresringen, Rissen oder Astlöchern. Auch das vom Wasser geformte Schwemmholz erzählt Geschichten: von langen Reisen durch Flüsse und Seen, von Massagen durch wilde Strudel oder mannshohe Wellen. Holz arbeitet, dehnt sich hierhin und dorthin, all das geschieht über Jahre, Jahrzehnte, manchmal auch über Jahrhunderte. Diese und noch ganz andere Geschichten kennt auch das Holz aus dem Sägewerk Schuh in Wien-Atzgersdorf.

1959 gegründet, wird das Unternehmen heute in dritter Generation von Georg Schuh geführt. Gehandelt und verarbeitet werden unter anderem alte Dachbalken, Sparren oder Holzfußböden, die vom Abbruch alter Häuser aus dem Großraum Wien stammen. Auf der Herkunftsliste standen auch so ehrwürdige Gebäude wie die Hofburg, das ehemalige Museumsquartier, die Albertina oder das Palais Hansen. Bevor sich der Firmengründer Rudolf Schuh dieser Quellen annahm, kam das sogenannte Altholz in erster Linie im Erdbau als Schalung oder im U-Bahn- und Pipelinebau zum Einsatz. Dabei ist Altholz doch eine eher grobe Bezeichnung für dieses ganz besondere Material, das mehr erzählt als die üblichen Geschichten im Repertoire anderer Holzarten. Es ist Zeuge von Geschichte, von Tragödien, von Komödien, von Liebe und Tod, vielleicht von Geheimtreffen oder prunkvollen Tanzveranstaltungen.

Das Holz, das im Werk der Schuhs Zwischenstation macht, ist lang an seinen Job gewöhnt. Die Balken und Dielen ächzen und knarren nicht mehr, auch verziehen ist nicht mehr das Ihre, das ist ihnen, im Vergleich zu ihren jungen Nachfolgern, die unter hoher Spannung stehen, weitgehend vergangen.
Mehrere Tausend Kubikmeter oder gut 200 Lkw-Ladungen verlassen das Werk pro Jahr. Das Holz kommt im ganzen alpenländischen Raum unter und wird für die Weiterverwendung im Innenausbau, für Bauernmöbel, Holzdecken, Fußböden, Türeinfassungen, Sichtbalken und anderes verwendet. Für was auch immer sich die Kunden entscheiden, vor seiner endgültigen Bestimmung wird das Holz im 23. Bezirk gereinigt, entnagelt und für sein jeweiliges weiteres Schicksal zurechtgeschnitten.

Die Firma Schuh entdeckte auf diese Weise nicht nur den Wald in der Stadt, sondern nahm auch früher als viele andere den Begriff Nachhaltigkeit in ihre Firmenphilosophie auf. »Für jeden Baum, der durch unser Werk geht, kann im Wald einer stehen bleiben«, bringt es Georg Schuh auf den Punkt. Man sieht auch hier, was für ein besonderes Geschwisterpaar Holz und Nachhaltigkeit sind. Dabei muss der Gedanke an die Umwelt auch in diesen Zeiten nicht immer das erste Argument sein. Es reicht auch ein anderer vernünftiger Gedanke, wenn es um das Holz mit Geschichte geht. Warum etwas wegwerfen, wenn es noch wunderbar seine Dienste tut und obendrein mit ein bisschen Fantasie auch noch ein Zeitzeuge ist?

Aber in die Kerbe Nachhaltigkeit haut man bei Schuh auch auf eine andere, erstaunliche Art. Im Waldviertel lässt die Firma eine jahrhundertealte Tradition aufleben und erzeugt aus der Haut von Fischen, genauer gesagt aus Karpfenleder Etuis, Börsen und Handtaschen – auch keine schlechte Geschichte.

Text

Michael Hausenblas
Mitarbeiter der Tageszeitung Der Standard