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Essay

Ob Stein, ob Holz – repariere mit Verstand

Köbi Gantenbein
Erschienen in
Zuschnitt 57: Altes Holz – neu gedacht
März 2015, Seite 4

Fläsch, so heißt das Dörflein im Bündner Rheintal, in dem ich lebe, wohne und oft arbeite. Den einen Berg drei Stunden stotzig hinauf, und schon bin ich in Vorarlberg. Um den anderen Berg eine Stunde herum, und schon bin ich im Fürstentum Liechtenstein. Fläsch ist ein altes Dorf, tausend Jahre alte Dokumente gibt es, und Fläsch ist ein reiches Dorf – man lebt gerne hier und arbeitet in Zürich, aber auch in Chur, in Vaduz, in Konstanz gar. Wir sind wenige, gut 500 Leute, gut situiert viele, wohlhabend einige. Viel Substanz in alten Häusern, gute wirtschaftliche Verhältnisse und Lust am Weiterbauen sind die Gründe dafür, dass viel um und neu gebaut wird: Schmarren und Gutes. Ich spaziere durch mein Dorf und sehe drei Beispiele fürs Holz.

Fläsch ist ein Steinedorf. Auch mein Haus haben meine Vorfahren im 17. Jahrhundert aus Bruchsteinen geschichtet und gefügt. Und daneben haben sie einen Stall aus Holz hingestellt, in dem mein Haus zweimal Platz hätte. Meine Vorfahren waren Bauern und also pragmatische Leute. Sie nahmen das Holz für die Kühe und den Stein für sich. Die Stube haben sie dennoch rundum in Holz eingekleidet. Ich baue mein Haus aus Stein und Holz ausgesprochen langsam um, weil ich im Haus meinen eigenen Lebenstakt finden will. Viel zu tun habe ich mit dem Ausräumen dessen, was Gotta Betty, meine Vorgängerin, installiert hat. Die asbesthaltigen Kunststoffböden mit Perserteppichmuster zum Beispiel, die sie auf die massiven Holzboden-Bretter nageln ließ, brachte ich zum Sondermüll. Die auf edle Tapete gemachte Verkleidung der hölzernen Wand in der Stube ist abgelaugt. Gotta Betty floh aus dem Holz, ich fliehe in es zurück. So geht die Generationenfolge. Mein Haus ist nun innen rückgebaut und hölzern. Und ich liebe diese hölzerne Wärme und Behaglichkeit. Meine Nachkommen werden das Haus allenfalls energetisch sanieren und ihm dann innen ein Putzkleid anziehen oder eines aus einem Wundermaterial, das wir noch nicht kennen. Und hölzern ist für mich auch die Wärme. Sie kommt aus dem steinernen Kachelofen in die Stube. Ich fülle Kiste um Kiste mit Buchenscheitern, die ich jeweils um vier Uhr morgens anzünde – und ich schwöre darauf, nichts ist so warm wie Holz, Feuer geworden. Da brennt auch die Energie mit, die ich ihm schenkte, den Baum sägend und den Klotz spaltend.

Meine Nachbarn heißen Elly und Walter. Sie haben vor gut zehn Jahren einen nicht mehr gebrauchten Stall gekauft und darin ihr Haus gebaut. Aus Stein sind vier Säulen des Stalls zurückgeblieben, ausgefacht sind die Räume zwischen ihnen nun mit Glas und Holz. Innen sind die Böden aus Stein, die Auskleidung, die Treppen, die Einbauten dagegen aus Holz, ja sogar Ellys Badewanne ist hölzern. Der nicht mehr gebrauchte Stall ist ein lichtes, helles, ausgesprochen wohnliches Haus geworden. Man merkt auch, was die zwei dem Holz zumuten: Gemütlichkeit, Ruhe, Gelassenheit, Großzügigkeit, Brauchbarkeit und ein Parfum der Moderne, das dieses Haus ins Dorf gebracht hat – all das kann das Holz tragen. Und sie haben sich etwas geleistet: sorgfältige Zimmermannsarbeit, feines Schreinerkönnen. Es ist wunderbar, welche Geschichten Holz schreiben kann, wenn man bereit ist zu hören und das Holz bittet, diese Geschichten zu erzählen.

Doch der Stein kann das auch. Mein Bruder und seine Frau heißen Daniel und Martha. Sie wohnen drei Minuten zu Fuß von mir in einem der wenigen herrschaftlichen Häuser des Dorfes. Sie haben ihr Haus im Laufe der Jahre aus einer Ruine zu einem Prachtstück umgebaut, Schritt um Schritt. Holz war ihnen weniger nah als Stein. Die Wände sind gefertigt aus Sumpfkalk, die Böden aus schwarzem Schiefer unmittelbar vom Berg, mit großer Sorgfalt hat aber ein Schreiner aus dem Bregenzerwald jüngst die große und alte Haustüre restauriert – Holzarbeit vom Feinsten im Steinhaus. Und hier lernen wir: Wir dürfen nicht dem Holz aufbürden, es allein könne die Geschichte der Gemütlichkeit, der Schönheit und der Behaglichkeit in der Wohnung erzählen. Der Stein kann das auch – wichtig ist weniger das Material als die Haltung und das Können, das Material handwerklich gut zu formen, zu fügen und zu schichten, um das alte Haus weiterzubauen.

Text

Köbi Gantenbein

ist Verleger und Chefredakteur von Hochparterre, der Zeitschrift für Architektur und Design aus der Schweiz. Er lebt und arbeitet in Zürich und Fläsch, einem Dörflein im Bündner Rheintal. Er kommt aus einer Tischlerfamilie und lebt dennoch in einem steinernen Haus.
www.hochparterre.ch