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»Die moderne Architektur war der Erfolgsfaktor für den Holzbau«

Manfred Brandstätter, Leiter der 
Holzforschung Austria, im Gespräch

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 60: 25 Jahre (pro) Holz
Dezember 2015, Seite 25

Zuschnitt: Sie sind 1990, im selben Jahr, in dem proHolz Austria gegründet wurde, zur Holzforschung gekommen. Woran hat man damals geforscht?

Manfred Brandstätter: Es ist spannend, dass viele Themen, mit denen wir uns damals beschäftigt haben, auch heute noch beforscht werden. Emissionen und Auswirkungen auf die Gesundheit waren schon in den 1990er Jahren ein Thema. Damals ging es mehr um Formaldehyd, heute liegt der Schwerpunkt stärker bei flüchtigen organischen Verbindungen (voc).

Das heißt, das Thema Emissionen in die Raumluft ist auch heute noch Teil Ihrer Forschung?

Ja, das Thema wird uns auch weiterhin begleiten, weil diese flüchtigen organischen Stoffe nicht nur in Klebstoffen vorkommen, sondern auch im natürlichen Holz und die Anforderungen an die zulässigen Emissionen ständig steigen. In den neunziger Jahren haben wir auch begonnen, uns mit der Verwertung von Baurestmassen zu beschäftigen. Altholz – Entsorgung und Recycling von Holz –, das war mein erstes eigenes Thema hier 
im Haus. Was können wir tun, wenn wir ein Holzgebäude rückbauen? Wie können wir das Holz verwerten?

Das ist ja noch immer ein hochaktuelles Thema. Ist die Forschung daran abgeschlossen oder gibt es noch ungeklärte Detailfragen?

Die Beschäftigung damit geht weiter, weil das Holz in seiner Materialkombination immer wieder frisch zu bewerten ist. Allein die Holzschutzmittel sind heute ganz andere als vor 25 Jahren. 
Es gibt neue Anstriche und Beschichtungen.
Mitte der neunziger Jahre haben wir auch ein Projekt zur Festigkeit von Brettschichtholz durchgeführt. Damals begann die Industrialisierung von Brettschichtholz. Holzbaubetriebe stellten auch vorher schon Brettschichtholz (bsh) her, allerdings nicht als Handelsprodukt, sondern nur objektbezogen. Mitte der 1990er Jahre wurde bsh standardisiert und als Ersatzbaustoff für Kantholz vermarktet. Im Gegensatz zum klassischen Kantholz war es trocken, stand in größeren Dimensionen und Längen zur Verfügung und es gab mehr Festigkeitsklassen. Wir haben diese Produktentwicklung begleitet – von der Produktüberprüfung über die Normung bis hin zur Zertifizierung.

Es scheint, dass die Holzforschung sich in den neunziger Jahren eher Produktentwicklungen und Themen rund um den Rohstoff zugewandt hat. Wann kam denn die Beschäftigung mit baudetailspezifischen Fragestellungen wie Flachdach, Fassade und so weiter auf?

Mit der Realisierung der ersten mehrgeschossigen Holzbauten Mitte der neunziger Jahre haben wir begonnen, uns mit der Fassade zu beschäftigen. Durch die mehrgeschossigen Häuser gab es auch eine neue Bauherrenschaft: Auf einmal waren nicht mehr die Hausbesitzer selbst für die Wartung verantwortlich, sondern die Bauträger und die Genossenschaften. Diese waren daran interessiert, dass Beschichtungen und Oberflächen bei geringem Serviceaufwand möglichst lange halten. Das Thema der Wartung wurde für den Holzbau immer wichtiger.

Wartung – das betrifft hauptsächlich die Fassade?

Fassade und Fenster. Die moderne Architektur ist ja grundsätzlich zu einem großen Erfolgsfaktor für den Holzbau geworden. Aber diese moderne Architektur setzt ganz gezielt und bewusst traditionelle, konstruktive Bauregeln außer Kraft, ...

... was zu Schäden führen kann.

Die konstruktiven Bauregeln haben für den Holzbau grundsätzlich ja einen Sinn.

Welche Themen stehen bei Ihnen an, wenn sie in die Zukunft blicken?

Der Schallschutz im Holzbau wird ein Thema sein, das uns in den nächsten Jahren intensiv beschäftigen wird. In Stetten in Niederösterreich haben wir gerade unser Akustikcenter eröffnet. Speziell für Decken- und Wandelemente wollen wir den Schallschutz – im Bereich der tiefen Frequenzen – verbessern.

Beschäftigen Sie sich auch mit Hybridkonstruktionen? Gerade im Bereich der Decken ergeben ja Kombinationen mit Beton oder Schüttungen oft Sinn.

Hybridkonstruktionen sind ein Zukunftsthema und werden sich sicherlich auch mit dem Thema Schall überschneiden. Was natürlich noch dazukommt, ist das Thema Haustechnik. Da sind wir nicht mehr im Holzbereich, aber ich glaube, dass sich der Holzbau diesem Feld aktiv zuwenden soll.

Warum?

Weil es um so wichtige Dinge wie Lüftung, automatische Steuerung von Fenstern, Schall- und Brandschutz geht. Das Thema Haustechnik ist aus der Sicht des Holzbaus eine wichtige Schlüsselstelle für die Zukunft.

Manfred Brandstätter
Geschäftsführer der Holzforschung Austria
www.holzforschung.at



Projekte und Publikationen, die in Kooperation von proHolz Austria und der Holzforschung Austria entstanden sind:

www.dataholz.com
Online-Bauteilkatalog bauphysikalisch und ökologisch geprüfter Holzbauteile

www.infoholz.at
Kostenloser Online-Frage-und-Info-Service rund um den Baustoff Holz

Fassaden aus Holz
Eva Guttmann, Peter Schober
proHolz Austria (Hg.), 2. Auflage, Wien 2014
Michael Hausenblas

Holzböden im Freien
Peter Schober, Claudia Koch et al.; proHolz Austria (Hg.), 
Wien 2013

att. Thermische Sanierung und Modernisierung von Bestandsgebäuden
Martin Teibinger et al. proHolz Austria (Hg.), Wien 2013

att. Brandschutzvorschriften in Österreich
Martin Teibinger; proHolz Austria (Hg.), 3. Auflage, Wien 2015

att. Haustechnik im mehrgeschossigen Holzbau
Martin Teibinger et al. proHolz Austria (Hg.), Wien 2014

Zu bestellen unter: shop.proholz.at

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at