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Bürogebäude in Augsburg

Komplett aus Buche

Roland Pawlitschko
Erschienen in
Zuschnitt 64: Laubholz
Dezember 2016, Seite 12 - 13

Angesichts zu klein gewordener Büroflächen und eines kontinuierlich wachsenden Mitarbeiterteams entschloss sich die vor 15 Jahren gegründete Softwarefirma euregon AG, einen neuen Unternehmenshauptsitz in Augsburg zu errichten, um hier die Bereiche Verwaltung, Support und Entwicklung, aber auch einen Schulungsraum mit Lounge unterzubringen. Nur einen Steinwurf von ihrem Baugrundstück im Augsburger Sheridan-Park entfernt stießen die Bauherren während der Projektentwicklung zufällig auf den Rohbau eines Bürogebäudes aus Brettsperrholzplatten, der ihr Interesse für den Baustoff Holz weckte und sie zum verantwortlichen Architekten Frank Lattke führte.

Schon nach den ersten Gesprächen war klar, dass für die euregon ag nur ein Holzskelettbau in Frage kam, der dem jungen Unternehmen mit rund vierzig Mitarbeitern auch in Zukunft genügend Flexibilität bei der Grundrissgestaltung bieten würde. Als langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Entwerfen und Holzbau bei Hermann Kaufmann an der tu München begriff Frank Lattke die Begeisterung des Bauherrn für Holz als Chance, erstmals ein Bürogebäude aus Laubholz zu konzipieren, bei dem nicht nur die Fassade und der Innenausbau, sondern ebenso das dreigeschossige Tragwerk aus Laubholz bestehen sollte. Die Materialwahl für das Tragwerk fiel auf Buchen-Furnierschichtholz, weil seine ästhetische Qualität und statischen Eigenschaften, die maßgeblich zur Optimierung der Tragwerkstruktur beitrugen, überzeugten. Buchen-Furnierschichtholz ist ein Bauprodukt, das seit 2014 mit den entsprechenden bauaufsichtlichen Zulassungen auf dem Markt erhältlich ist.

Neben den für den Holzbau allgemein geltenden Vorzügen der Vorfertigung wie höhere Präzision, kürzere Bauzeiten, Kostenersparnisse durch seriell gefertigte Elemente etc. liegt der wichtigste Vorteil von Buchenholz- gegenüber Nadelholz-Produkten 
in der signifikant höheren Zug- und Druckfestigkeit. Bei gleicher Tragfähigkeit ermöglicht dies sowohl bei Stützen als auch bei Trägern wesentlich geringere Querschnitte. Der neue Unternehmenshauptsitz der euregon AG konnte dank dieser Laubholzeigenschaften mit einem Stützenraster von 5,10 Metern und einem Nebenträgerabstand von 85 cm realisiert werden. Im Vergleich zu einem Tragwerk aus Fichte wurden letztlich rund 35 m3 Holz eingespart – was die etwas höheren Kosten des Buchen-Furnierschichtholzes fast vollständig kompensierte.

Da Buchenholz viel härter ist als Nadelholz, können keine selbstschneidenden Schrauben eingesetzt werden. Um den Aufwand für das Vorbohren von Schraublöchern zu minimieren, hatte Lattke zusammen mit den Tragwerksingenieuren und dem Holzbauunternehmen zunächst konische Schwalbenschwanzverbindungen für Haupt- und Nebenträger entwickelt. Diese konnten allerdings wegen der fehlenden Zulassung für eine Deckenkonstruktion in rei 30 nicht realisiert werden. Zur Ausführung kamen stattdessen rechtwinklige Zapfenaussparungen in den Hauptträgern zur Aufnahme der Holzbalken sowie vier diagonal eingedrehte Vollgewindeschrauben pro Verbindungsknoten. Diese Lösung brachte einen erhöhten Aufwand in der Herstellung der statisch wirksamen Verbindungen mit sich und zeigt, wo Entwicklungspotenzial im Umgang mit Laubholz liegt.

Das Bauen mit Laubholz erfordert sehr sorgfältig vorbereitete Bauabläufe, zum einen weil Buchenholz bei Feuchtigkeitsaufnahme stark quillt, zum anderen weil die Sichtoberflächen während der Bauphase vor Beschädigungen geschützt werden müssen. Deshalb wurden beispielsweise die 40 mm starken, roh belassenen Buchen-Furnierschichtholz-Platten über der Holzbalkendecke nach dem Einbau sofort mit einer aufgeklebten Abdichtung versehen, um das Eindringen von Wasser zu verhindern. Dennoch auftretende feuchtigkeitsbedingte Verfärbungen konnten durch Behandlung mit Oxalsäure ausgebleicht werden. Stützen und Träger erhielten bereits im Werk eine Mittelschichtlasur.

Tragstruktur sowie Teile der Decken-, Wand- und Bodenflächen sind aus Buchenholz und prägen das Erscheinungsbild des Gebäudes maßgeblich, ohne dabei jedoch eine aufdringliche Monochromie entstehen zu lassen. Dies gelang durch die plastische tektonische Struktur des sichtbaren Tragwerks mit seinem wechselvollem Licht- und Schattenspiel und durch die völlig unterschiedliche Ästhetik der einzelnen Seitenfläche der Buchen-Furnierschichtholz-Träger, die gleich-mäßige Seitenflächen ebenso wie lebhafte Furnierlagen zeigen. Für eine angenehme Atmosphäre sorgen aber auch ein durchlässiger Grundriss mit großzügigen Mittelzonen, raumhohe Glastrennwände und elegante Ausbaudetails wie schmale LED-Lichtleisten am Wand-Decken-Übergang in der Mittelzone.

Nach erfolgreichem Projektabschluss und Bezug des Gebäudes im Februar 2016 widmet sich Frank Lattke inzwischen weiteren Projekten in Laubholz wie der Aufstockung einer Industriehalle mit einem Stützenraster von 7,60 Metern.

Querschnitt, Bürogebäude in Augsburg

Foto:

© Eckhart Matthäus

Text

Roland Pawlitschko

ist freier Architekt, Autor und Redakteur sowie Architekturkritiker. Er kuratiert Ausstellungen rund ums Thema Architektur und Öffentlichkeit, organisiert Architekturexkursionen und veröffentlicht Artikel und Aufsätze in Büchern, Zeitschriften und Tageszeitungen. Roland Pawlitschko lebt und arbeitet in München.

Euregon-Zentrale Augsburg

Standort

Walchstraße 2, Augsburg/D

[auf Google Maps anzeigen]

Bauherr

Euregon AG, Augsburg/D, www.euregon.de

Planung

lattkearchitekten, Augsburg/D, www.lattkearchitekten.de

Holzbau

Gummp & Maier, Binswangen/D, www.gumpp-maier.de

Statik

bauart Konstruktions GmbH & Co. KG, Lauterbach/D, www.bauart-konstruktion.de

 

 

 

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