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Am Land

Aktiviert die Dorfzentren!

Roland Gruber
Erschienen in
Zuschnitt 66: Dichter in Holz
Juni 2017, Seite 16

Fast jede Anfrage der letzten Jahre an unser Büro galt den Leer­ständen im Zentrum der eigenen Stadt oder Gemeinde. Denn das Phänomen der aussterbenden Orts- und Stadtkerne ist nicht zu übersehen. „Durch die rapide Überalterung im ländlichen Raum und die ­jahrzehntelange monofunktionale Siedlungserweiterung an den Ortsrändern kommt es schnell zum Donut-Effekt“, erklärt Hilde Schröteler von Brandt, Professorin an der Universität Siegen in Deutschland.

Dass Stadt- und Dorfzentren verstummen, hat viele Gründe – ein wesentlicher ist die gestiegene Automobilisierung der letzten Jahrzehnte, durch die sich viele vitale Funktionen an die Ortsränder verlagert haben. Zuerst entstanden ausgedehnte Ein­familien­hausgebiete, bald folgten die Handels- und Einkaufszentren und mittlerweile finden sich da und dort auch Verwaltungs- oder ­Gesundheitseinrichtungen in peripheren Lagen. Denn die Verlagerung an den Rand und die damit einhergehende Verödung der Zentren machen die Gemeinden kaputt, entziehen den Orten ihre Identität und machen sie auch für kommende ­Generationen unattraktiv. Es ist dringend an der Zeit, aus den Donuts wieder Krapfen zu machen, mit wohlschmeckender Marillen­marmelade in der Mitte.

Damit das süße Leben wieder in die Zentren zurückkehren kann, sind umfassende Maßnahmen und vor allem das Rückgrat und die Ausdauer der handelnden Personen vor Ort notwendig. An erster Stelle steht dabei das Bekenntnis der Politik und Verwaltung zu Innenentwicklung vor Außenentwicklung.

Ein weiterer Schritt ist es, die Bürgerschaft mit mutigen Betei­li­gungs­prozessen zum gemeinsamen Weiterdenken zu gewinnen. Dabei ist es wichtig, die Bürgerinnen und Bürger vom ersten Akt der ­Ideenfindung bis zur konkreten Umsetzung als Experten für den eigenen Ort in die Veränderungsarbeit einzubeziehen und ­zugleich ein umfassendes Bewusstsein für den sparsamen und intelligen­ten Umgang mit Grund und Boden zu schärfen. Das wird zwar immer öfter in Papieren formuliert und gefordert (u. a. Österreichischer Baukulturreport 2011), jedoch werden nach wie vor täglich rund 16 Hektar Land in Österreich verbaut. Trotz ­hohem Leerstand in Österreichs gut erschlossenen Ortskernen werden die meisten dieser neuen Einfamilienhaus- oder Gewerbegebiete in flächenverbrauchenden neuen Baugebieten am Ortsrand umgesetzt. Es wäre jedoch wesentlich klüger und vor allem auch ressourcenschonender, unsere verödeten Ortszentren mit kreativen und zeitgemäßen Formen von Wohnen, Arbeiten, ­Handel und Freizeit zu beleben, ­vorhandene Gebäude und Flächen zu nutzen, umzubauen, weiterzubauen oder, wo noch Platz ist, neu zu bauen. Diese kompaktere Bauweise und höhere Dichte sowie die dabei entstehenden Nutzungsdurchmischungen sind essenziell für den Sozialraum der Menschen und für ein intaktes Ortsbild. Und sie dämmen den Flächenverbrauch ein.

Text

Roland Gruber

Studium der Architektur in Linz und Zürich sowie Studium Kulturmanagement in Salzburg. ­Mitgründer von nonconform, einem Büro für Architektur und ­Bürgerbeteiligung, von LandLuft – ­Verein zur Förderung von Baukultur in ­ländlichen Räumen sowie von Zukunftsorte – Österreichische Plattform für innovative ­Gemeinden.
www.nonconform.at