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Essay

Kultur des Übergangs

Wolfgang Pehnt
Erschienen in
Zuschnitt 68: Holztür
Dezember 2017, Seite 4

Der Augenblick, in dem man eine Türschwelle überschreitet, wurde immer als ein Moment von Bedeutung empfunden. Als Grenze zwischen drinnen und draußen, als Trennung und Öffnung war die Schwelle in allen Kulturen mit Zauber, Opferzwängen und Ritualen belegt.1

Noch mehr als ihr Teilstück, die Schwelle, erforderte die Tür als Ganzes die Vorsorge dessen, der sie passierte. Tür und Tor sind aufrecht stehende, unübersehbare, den Eintretenden wie Abschiednehmenden vollständig umfassende Rahmen, die den Übertritt aus dem einen in den anderen Bereich markieren. Eine Schwelle kann man versehentlich übertreten, die Türöffnung dagegen nicht unwissentlich durchschreiten. 

Da die Tür mit ihrer Außenseite an der Öffentlichkeit von Straße und Markt teilnimmt, war sie zugleich Ort juristischer Handlungen. In manchen Kulturkreisen fanden Gottesurteile an oder vor der Tür statt, wurden Eide abgelegt, während die Hand des Schwörenden auf der Tür lag. Vor allem die Kirchentür war mit öffentlichen Handlungen und Rechtsgeschäften verbunden. Sie verhieß Asyl, war aber auch der Ort, an dem die geistlichen Hochgerichte tagten, an dem kirchliche und weltliche Territorialherren Recht sprachen.2

Auch sozialer Rang entschied sich an der Tür. Wer als Erster passieren darf, ist der Höhergestellte. Das Recht des Vortritts hat die Zeremonienmeister aller Jahrhunderte beschäftigt, bis hin zu den Benimmbüchern unserer Tage. Im Nibelungenepos spitzt sich der Konflikt in jener Szene zu, in der die Königinnen um das Recht streiten, als Erste das Wormser Münsterportal zu durchschreiten. Dienstboteneingänge sind noch bei Le Corbusiers frühen Villen von den Herrschaftseingängen getrennt und als untergeordnete Einlässe charakterisiert. 

Wo die Tür ihrer Bestimmung als Öffnung und Verschluss nachkommt, besteht sie, ihrer Doppelrolle entsprechend, aus zwei Elementen: der Türöffnung, die meist durch einen Rahmen gefasst ist, und dem Türverschluss. 

Dass Pforten, Türen und Portale noch heute Orte größerer Formendichte darstellen, hat eine Vielzahl von Gründen. Es hängt mit dem Verhältnis der relativ kleinen Öffnungs- zur relativ großen Wandfläche zusammen: Die kleine Fläche lädt zur intensiveren Bearbeitung ein. Das ist durch die Wahrnehmungsbedingungen an der Tür beeinflusst: Wer wartet, bis man ihm auftut, wird aus nächster Nähe betrachten, was ihm vorläufig noch den Zutritt verwehrt. Hinter der Formendichte des Eingangsbereichs steckt aber auch die gesamte Überlieferung an magischmythischen Bedeutungen, die sich mit Ein- und Ausgang verbinden – in wie verblasster Form auch immer. 

Je größer Offenheit und Transparenz, desto mehr verloren Tür und Tor ihre klassischen Funktionen. Neuzeitliche Ingeniosität gilt der anstrengungslosen Abwicklung von Bewegungsvorgängen. Stufen und Schwellen werden unter dem Vorwand der Unfallgefahr beseitigt. Die teilweise oder – seit Erfindung des bruchfesten und splitterfreien Sicherheitsglases – ganz verglaste Tür trägt zur Gleichbehandlung von innen und außen bei. Der ungehinderte Blick erfasst das jeweils hinter der Tür liegende andere, bevor der Fuß es betritt. Erwartung, Neugier und Furcht werden auf ein Minimum reduziert. Warmluftschleusen oder Schiebetüren, die dienstfertig vor dem Eintretenden auseinanderspringen, entheben den Besucher auch noch der letzten Anstrengung. 

Die Behauptung, außen und innen, der allgemein verfügbare und der verschlossene individuelle Teil des Raumes, würden auf diese Weise sozusagen demokratisch behandelt, als ein und dasselbe, leuchtet nicht ein. Ist es demokratisch, die Menschen der Abweichungen und Besonderheiten zu berauben, ihnen die Unterschiede zwischen Preisgegebenheit und Geborgensein, Offenheit und Schutz zu nehmen? Die archaische Tür wurde zum modernen Eingang, der nichts anderem dient als der zweckmäßigen Erschließung des Bauwerks. Sogar die bescheidensten Nebenaufgaben wurden nach Möglichkeit von der Tür entfernt. Den Türklopfer ersetzte die Klingel an der Seite, den Postschlitz der frei stehende Hausbriefkasten oder Zeitungshalter. 

Die zeitgenössische Fachliteratur zum Thema diskutiert, was von der Kunst des Türenbauens übrig geblieben ist. Sie stellt die zuständigen DIN-Normen dar; die Richtmaße für Breite und Höhe; die Arten des Anschlags; die heute üblichen Werkstoffe wie Holz ("gesund, trocken, ast- und harzfrei"), eloxiertes Leichtmetall, Stahl, die unterschiedlichen Glassorten; die Türbeschläge; die Konstruktionsarten für Rahmen, Türfutter und verkleidung, Türflügel. Sie zählt die Bauweisen der Türblätter auf: »gestemmte«, das heißt auf Rahmen und Füllung gearbeitete Blätter, massive Furnier- oder Verbundplatten, Latten- oder Brettertüren, einfach oder aufgedoppelt, gedübelt, überfälzt, gespundet, Jalousietüren. Was die Autoren aussparen, sind jene architektonischen Eingriffe, die zwischen drinnen und draußen angemessene Verhaltensformen ermöglicht hatten. Denn mit den rites de passage3, mit der Emanzipation von alten Zwängen, ist auch jene Kultur des Übergangs geschwunden, der einst die Aufmerksamkeit des Baumeisters galt. 

Viollet-le-Duc, den die Begriffsbildung der französischen Sprache zwang, vieles Unterschiedliche unter porte abhandeln zu müssen, stellte in seinem Dictionnaire unter den Stichwörtern porche, portail und portique noch zahlreiche Möglichkeiten dar, dem Übergang eigene räumliche und bauliche Zonen, ja sogar eigene Gebäude einzurichten.4 Die Zweckbestimmung dieser Vor- und Torhallen reichte von kultischen Aufgaben bis zu jener schlichten mitmenschlichen Rücksicht auf Ankömmlinge, die vor der noch geschlossenen Tür auf die Begrüßung warten müssen. Traditionelle Architektur kannte viele solche Angebote. 

Es ist ein Verdienst einiger nachmoderner Architekten, vergessene Wahrheiten der Tür ins Gedächtnis zurückgerufen zu haben. In Christopher Alexanders Pattern Language findet sich ein ganzer Katalog von Kriterien, die zu erfüllen sind, wenn sich das Gefühl des Ankommens mitteilen soll.5 Es ist sowohl auf optische als auch akustische, taktile oder Wärme-Empfindungen angewiesen. Differenzierte Bodenbeläge, Niveausprünge, Wechsel des Gesichtsfeldes, der Übergang von Licht zu Halbschatten und Schatten sollen den Eindruck von Dichte, Präsenz und Ankunft erzeugen, ebenso wie sie in umgekehrter Folge auf den Weg -hinaus ins Offene und Öffentliche vorbereiten. Die ehrwürdige magischsymbolische Tradition der Eingangs- und Ausgangsrituale ist damit nicht zu beleben, wohl aber der Sinn für frühere -Qualitäten, die sich mit Ein- und Ausgang verbanden. 

Dies ist ein Auszug aus einem Essay von Wolfgang Pehnt, erschienen in: Die Regel und die Ausnahme. Essays zu Bauen, Planen und Ähnlichem, Ostfildern 2011.

1 Schwelle, in: Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens, Bd. 5, Berlin-Leipzig 1935, Spalte 1509 f.; Tür, in: ebd., Bd. 8, Berlin-Leipzig 1936, Spalte 1185 ff.
2 Adolf Reinle: Zeichensprache der Architektur, Zürich-München 1976, S. 245 ff., besonders S. 278.
3 Den Ausdruck prägte der französische Anthropologe Arnold van Gennep 1909, vgl. Arnold van Gennep: Übergangsriten, Frankfurt am Main 1986.
4 Eugène-Emmanuel Viollet-le-Duc: Dictionnaire raisonné de l’architecture, Bd. 7, Paris 1875, S. 314 ff.
5 Christopher Alexander u. a.: A Pattern Language, New York 1977; dt.: Eine Muster-Sprache, Wien 1995.

An open door says, »Come in«
A shut door says, »Who are you?«
Carl Sandburg (1878 – 1967), Poems

Text

Wolfgang Pehnt
geb. 1931 in Kassel, ist Architekturhistoriker und -kritiker. Mitglied der Kunstakademien Berlin, München und Düsseldorf. Zahlreiche Auszeichnungen und Bücher.