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Zwischen Tür und Angel

Nette Redensarten und unfreundliche Betrachtungen

Gabriele Kaiser
Erschienen in
Zuschnitt 68: Holztür
Dezember 2017, Seite 26f.

Robert Musils polemischer Nachruf auf Tür und Tor

Ein höfliches Anklopfen, stilisiert und unzeitgemäß wie ein Handkuss, scheint nur noch selten angebracht. Unsanft fällt der österreichische Schriftsteller Robert Musil mit der Tür ins Haus, als er in seinen „Unfreundlichen Betrachtungen“1 1928 Türen und Tore ins Reich der Vergangenheit verweist.

Während er das Türblatt, jenes „drehbare Brett“, das an einem in die Mauer eingelassenen Holzrahmen befestigt ist, „zur Not“ noch verstehen könne (als Reminiszenz an eine Zeit, in der man noch an Türen horchen konnte, um die Geheimnisse hinter dicken Mauern agierender Personen zu erlauschen), habe der Türrahmen in der aseptischen Architektur der Moderne und der von ihr favorisierten Betonbauweise jegliche Existenzberechtigung eingebüßt. Der Türrahmen aus Holz, „von nirgendwo kommend, angeklebt, einsam, sinnlos, nur mit dem Fensterrahmen verschwistert“, friste ein technisch entbehrliches Scheindasein, ebenso wie die Tür selbst, die in den hellhörigen Wänden heutiger Bauten ja längst kein Geheimnisträger mehr sei. Die einzige Neuschöpfung von bemerkenswerter Originalität ist für Musil die gläserne Drehtür des Hotels und des Warenhauses. Alle anderen Vorrichtungen zum Verschließen einer Durchgangsöffnung erscheinen ihm als beredte Zeugen jener längst verstrichenen Epoche, in der die Tür „Eingang zu einer Gesellschaft von Bevorzugten“ war, „die sich dem Ankömmling, je nachdem, wer er war, öffnete oder verschloss, was gewöhnlich schon sein Schicksal entschied. Die Tür habe früher als Teil das Ganze des Hauses vertreten und eine Fülle von Beziehungen zum Leben verkörpert; der Symbolreichtum alltäglicher Rituale an der Schwelle des Hauses sei nicht zuletzt an der Vielzahl von Redensarten zu ermessen, in denen die Tür eine Rolle spielt. Musil lässt exemplarisch einige Hausherren in Aktion treten: „Die vornehmen Leute öffneten oder verschlossen ihre Türen, und der Bürger konnte mit ihnen außerdem ins Haus fallen. Er konnte sie auch offen einrennen. Er konnte zwischen Tür und Angel seine Geschäfte erledigen. Konnte vor seiner oder einer fremden Tür kehren. Er konnte jemand die Tür vor der Nase zuschlagen, konnte ihm die Tür weisen, ja, er konnte ihn sogar bei der Tür hinauswerfen …“

Ein Blick ins Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten2 verdeutlicht die bereits in der Aufzählung Musils anklingende Ambivalenz der Tür. Jede birgt ein Geheimnis und bei jeder steht die Frage der Aufnahme und Abweisung auf dem Spiel, wie etwa Franz Kafkas Erzählungen und Romane düster belegen. In Redewendungen, jener „Mischung von Realistik und Symbolik“, die die Sprache laut Musil nur aufbringt, „wenn uns etwas sehr wichtig ist“, blitzt die Fülle möglicher Beziehungen momenthaft auf: Jemandem, der überall gern gesehen ist und der über beste Kontakte verfügt, dem stehen, so sagt man, alle Türen offen; wer für eine Sache keine Unterstützung findet, steht vor verschlossenen Türen; wer unter Ausschluss der Öffentlichkeit zusammentritt, verhandelt hinter verschlossener Tür; wer im Dienst einer Sache den mühsamen Weg einschlägt, geht Klinkenputzen; doch wenn er in einer zweifelsfreien Angelegenheit die Argumente unverdrossen herbetet, kann er plötzlich offene Türen einrennen. Wer nebeneinander wohnt, lebt Tür an Tür; wer nichts besitzt, zieht, so heißt es, von Tür zu Tür. Wer sich einen Ausweg sichern will, hält sich stets eine Hintertür offen; um einen ungebetenen Gast loszuwerden, weist man ihm die Tür. Wenn der Besucherstrom nicht abreißt, dann gibt einer dem anderen die Tür in die Hand; der Letzte, der den Raum verlässt, ziehe die Tür hinter sich zu. Auch an Tür und Tor versucht die Sprache ihr Glück. Die Zwillingsformel geht auf historische Hausformen zurück, in denen es beides nebeneinander gab: die Tür für den Menschen und das Tor für das Großvieh bzw. den Erntewagen oder die Kutsche. Wer sorglos alles hinnimmt, was vorgebracht wird, kann einer Sache Tür und Tor öffnen, die ihm später nicht geheuer ist. Robert Musil kommt in seinem kulturkritischen Prosastück, das die Geheimnislosigkeit der funktionalistischen Architektur anhand eines drehbaren Bretts beklagt, zu dem Schluss, dass die großen Zeiten der Türen endgültig vorbei seien und damit auch die Wirkmacht der Redensarten, die sie hervorgebracht haben. Was bleibt, sind „freundliche Einbildungen, die uns mit Wehmut beschleichen, wenn wir alte Tore betrachten“1.

1 Alle Zitate aus: Robert Musil: Türen und Tore, in: Sport im Bild, Nr. 24/ 28.09.1928, S. 1448 – 1450. Der Text der ersten Fassung wiederabgedruckt in: Gesammelte Werke, 2. Bd., Reinbek bei Hamburg 1978, S. 608 – 610. Überarbeitete Fassung (1936) wiederabgedruckt unter „Unfreundliche Betrachtungen“ in: Gesammelte Werke, 2. Bd., S. 504 – 506.
2 Lutz Röhrich, Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, Herder Verlag, Bielefeld 1991.

Stillgelegte Flügeltür im Österreichischen Parlament

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© Gabriele Kaiser

Text

Gabriele Kaiser
  • geboren 1967
  • 1996–2000 Redakteurin bei architektur aktuell
  • 2000–2003 Lehrauftrag an der Universität für angewandte Kunst in Wien
  • seit 2002 Redaktion des »Architektur Archiv Austria«, der online-Datenbank des Architekturzentrum Wien
  • Mitarbeit am Band III/3 des Führers »Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert« von Friedrich Achleitner
  • Architekturpublizistin und Leiterin des afo architek­turforum oberösterreich
    lebt und arbeitet in Wien und Linz