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Schlafen im Überhang

Temporäres Schutzhaus in den slowenischen Alpen

Robert Mair
Erschienen in
Zuschnitt 69: Bauen am Berg
März 2018, Seite 20f.

Die Schutzhütte sitzt wie ein Findling in der kargen Hochgebirgslandschaft des Kanin, eines Bergzugs an der italienisch-slowenischen Grenze, und trotzt dort den extremen klimatischen Bedingungen.

Sie wurde vom slowenischen Büro OFIS Architekten entworfen und dient als temporärer Ersatz für eine benachbarte Schutzhütte, die, von einem Erdbeben zerstört, auf ihre Sanierung wartet. Für die temporäre Nutzung von etwa 15 Jahren steht die Schutzhütte auf minimal invasiver Gründung, gut verankert und dennoch fast spurlos rückbaubar. Die markante kristalline Form ergab sich aus der Suche nach einem Gebäude, das zwar Platz für neun Besucher bieten sollte, aber klein genug sein musste, um per Hubschrauber auf den Berg transportiert zu werden. Die slowenische Armee hatte den Transport zu eigenen Trainingszwecken übernommen, wobei die Hubschrauber nie mehr als 1.200 bis 1.800 kg tragen durften. Man fertigte den Prototyp im Tal in der Werkstatt an, um ihn dann teilweise, entsprechend den Gewichtsbeschränkungen, wieder zu zerlegen. Mit dem ersten Flug wollte man die Holzschale in einem Stück hochtransportieren, mit dem zweiten das Glas und mit dem dritten die Metallverkleidung und Dämmung. Doch auch das erwies sich als schwierig. Nebel verhinderte den ersten Versuch, starker Wind den zweiten, und um alles doch noch sicher auf den Berg zu bringen, nahm man schlussendlich, wo statisch möglich, weitere Holzteile aus der Grundfigur heraus.

Im Eingangsbereich der Hütte befinden sich der Aufenthaltsbereich, eine Abstellfläche für Ausrüstung und die Möglichkeit, eigene Speisen zuzubereiten. Talseitig sorgen drei übereinanderliegende Schlafebenen direkt an der Panoramascheibe als Matratzenlager für ein maximales Naturerlebnis.

Die dichte Hülle aus Brettsperrholz, Steinwolle und einer Fassade aus Aluminium-Verbundplatten erlaubt den Verzicht auf Strom und Heizung. Auch Wasser gibt es keines. Genutzt wird die Hütte hauptsächlich von Skitourengehern, Alpinisten und Höhlenforschern. Ganz in der Nähe wurde vor wenigen Jahren der Einstieg in das Höhlensystem Mala Boka, eines der tiefsten Höhlensysteme der Welt, entdeckt, das nun viele Höhlenforscher anzieht.

Um zur Schutzhütte im Kanin zu gelangen, fährt man von der slowenischen Stadt Bovec aus mit der Gondel auf 2.002 Meter Seehöhe. Von hier aus ist die Hütte in weniger als einer Stunde über einen gesicherten Steig erreichbar. Wer hier übernachten will, muss vorher den Schlüssel auf der Website reservieren und in einer der drei Bars im Tal abholen.

Spela Videcnik und Rok Oman von OFIS Architekten haben eine klare Haltung zum Bauen in den Bergen: »Die alpine Architektur ist ein Teil unseres Erbes. Wir versuchen dieses mit jedem Bauwerk in den Alpen fortzuschreiben. Unsere Architektur hat ihre eigene Identität, die sich aus dem lokalen Wissen heraus entwickelt hat.«

Dach-Wand-Aufbau

Aluminium-Verbundplatten
Unterkonstruktion/Hinterlüftung
Winddichtung
Holzriegel 50mm,
dazwischen Mineralwolle
Brettsperrholz 60mm

Fotos

© OFIS arhitekti
© Ales Gregoric
© Janez Martincic

Text

Robert Mair
ist Hochschuldozent an der Universität Liechtenstein. Er hat die Schutzhütte, die 2017 für den Constructive Alps, den internationalen Preis für nachhaltiges Sanieren und Bauen in den Alpen, nominiert war, als Mitglied der Jury besucht.

Temporäres Schutzhaus in den slowenischen Alpen

Standort

Kanin, Bovec/SI

Höhe

2.260m ü. M.

Bauherr

Planinsko drustvo Bovec, Bovec/SI, www.pzs.si

Planung

OFIS arhitekti, Ljubljana/SI, www.ofis-a.si

Statik

CBD, Ljubljana/SI, www.cbd.si

Holzbau

CBD, Ljubljana/SI, www.cbd.si; Permiz, Grosuplje/SI, www.permiz.si

Fertigstellung

2016