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Mehr Nutzfläche durch dünnere Außenwände

Wohnbau in Graz

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 71: Wohnbau mit System
September 2018, Seite 8f.

So wie in anderen Städten gibt es auch in Graz viele Familien, Paare und Alleinstehende, die sich auf dem freien Markt nur schwer eine Wohnung leisten können und sich bei der Stadt für eine Gemeindewohnung angemeldet haben – zurzeit gibt es um die tausend Vormerkungen.

Auch in Graz ist die Nachfrage nach leistbaren Wohnungen weit größer als das Angebot. Deshalb hat die Stadt nach fast fünfzig Jahren wieder begonnen, selbst Gemeindewohnbauten zu errichten. Das erste Projekt wird gerade umgesetzt. Zudem werden nach wie vor sogenannte Übertragungswohnbauten errichtet, bei denen einem gemeinnützigen Wohnbauträger Grundstücke zur ­Verfügung gestellt werden. Dieser errichtet und verwaltet dort geförderte Mietwohnungen, welche nach dem Ende der Baurechtszeit, etwa nach achtzig Jahren, ins Eigentum die Stadt Graz übertragen werden. Die Zuweisung an die Mieter erfolgt immer durch die Stadt Graz.
Um einen solchen Übertragungswohnbau handelt es sich auch beim Gebäude in der Max-Mell-Allee am Rosenhain in Graz, einem gutbürgerlichen Viertel. Hier entstanden 38 Wohnungen auf einem Grundstück der Stadt Graz. Gebaut und ­verwaltet wird es von einem gemeinnützigen Wohnbauträger. Das Grundstück liegt, umgeben von viel Grün, etwas abseits von der Hauptstraße und grenzt an ein Studenten- und ein Pflegeheim. Der Bauträger forderte schon im Wettbewerb ein Gebäude in Holzbauweise, aus Gründen der Ökologie und der schnelleren Verfügbarkeit. Nussmüller Architekten, die schon viel Erfahrung im Wohnbau und im Holzbau haben, ­gewannen den Wettbewerb. Die Kubatur des Gebäudes folgt der dreieckigen Grundstücksform. Man ­nähert sich dem Gebäude auf der leicht ansteigenden Allee und steht dann vor dem massiven Sockel mit Tiefgarage, über dem sich ein zart konstruierter, viergeschossiger Holzbau erhebt. ­Umlaufende Balkone und ein in unregelmäßigen Abständen versetzter Lattenschirm gliedern die Fassade. Der ­Zugang zu den Wohnungen erfolgt über ein Atrium.

Gefordert war ein wirtschaftliches Konstruktionssystem

Im Wettbewerb wurde ein wirtschaftliches und materialgerechtes Konstruktionssystem gefordert. »Die Wirtschaftlichkeit liegt in der Regelmäßigkeit«, sagt Tragwerksplaner Josef Koppelhuber. »Ein regelmäßiger Grundriss erlaubt eine wirtschaftliche Konstruktion. Dieses Vieleck ist wirtschaftlich nicht günstig, weil es für alle mehr Aufwand bedeutete. Aber es ist natürlich sehr sinnvoll für dieses Grundstück, weil es dieses optimal ausnutzt«, so Koppelhuber, den die dreieckige Gebäudeform mit den drei jeweils geknickten Schenkeln und dem Loch in der Mitte an einen Wankelmotor erinnert.

Die Wohnungen sind sternförmig um das zentrale Atrium angeordnet. Die ursprüngliche Planung sah eine reine Brettsperrholzbauweise vor. Das Holzbauunternehmen aber schlug aus ökonomischen Gründen Außenwände in Holzrahmenbauweise vor.
Mit der geringeren Dicke der Holzrahmenbauwände konnten noch einmal rundherum 8cm geförderte Nutzfläche gewonnen werden. Die Innenwände und Decken sind in Brettsperrholz ausgeführt, das Stiegenhaus in Stahl­beton. »Man muss nicht alles aus einem Material bauen, sondern sollte die Bauweisen dort einsetzen, wo sie sinnvoll sind«, sagt Projektleiter Jakob Kocher. Tragwerksplaner Koppelhuber hingegen war davon weniger begeistert: Die Schwierigkeit bei der Kombination ist das unterschiedliche Setzmaß. Um bis zu 5mm pro ­Geschoss setzen sich die Holzrahmenbauwände mehr als die Brett­sperrholzplatten, und das muss in der Detaillierung entsprechend beachtet werden. Für Josef ­Koppelhuber sind bis zu vier Geschosse in einer solchen Mischbauweise vertretbar, darüber hinaus aber würde er davon abraten. Generell bevorzugt er eine reine Brett­sperrholzbauweise.

Unterschiede im geförderten und frei finanzierten Wohnbau

So elegant das äußere Erscheinungsbild dieses Wohnbaus ist, so ungelenk wirkt dagegen das Atrium. Ursprünglich sollten auch hier die einzelnen Zugangsebenen wie bei den äußeren, umlaufenden Balkonen aus Brettsperrholzplatten, die von einer Formrohrkonstruktion getragen werden, ausgeführt werden. Im Zuge von Einsparungsmaßnahmen schwenkte man dann auf eine ­Betonkonstruktion um. Diese ist jedoch weder schön detailliert noch sauber ausgeführt.

Der Wohnqualität im Inneren tut das keinen Abbruch. Hier wurden teilweise die tragenden Brettsperrholzwände sichtbar belassen und nur dort, wo die Schall- und Brandschutzanforderungen es erforderten, mit Gipskarton verkleidet. Die Decken wurden hingegen alle aus Kosten- und Schallschutzgründen mit Gipskarton verkleidet. Bei den ebenfalls von Nussmüller Architekten geplanten frei finanzierten Holzwohnbauten in Reininghaus wurden die tragenden Massivholzdecken sichtbar belassen, erzählt Stefan Nussmüller. Dafür sei aber der Fußbodenaufbau aufwändiger und damit auch teurer. Dies war bei diesem Wohnbau in der Max-Mell-Allee nicht möglich. Die maximale Gesamtbruttomiete liegt hier bei 8 Euro pro Quadratmeter. Die Stadt Graz will das Image des Gemeindewohnbaus verbessern und allen betroffenen ­Bevölkerungsschichten schmackhaft machen. Dies dürfte ihr mit diesem Bau gelingen.

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at

Wohnbau Max-Mell-Allee 6, Graz/A

Standort

Max-Mell-Allee 6, Graz/A

Bauherr

Gem. Wohn- u. Siedlungsgenossenschaft Ennstal reg. Gen.m.b.H., Liezen/A, www.wohnbaugruppe.at

Planung

Nussmüller Architekten, Graz/A, www.nussmueller.at

Statik

Dipl.-Ing. Josef Koppelhuber, Rottenmann/A, www.koppelhuber.at

Holzbau

Strobl Bau, Weiz/A, www.strobl.at

Anzahl Wohnungen

38 (gefördert)

Nettonutzfläche

2.500m²

Fertigstellung

2018