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Holzgewebe mit Schattenwurf

Arbeitsintensive, aber materialsparende Konstruktion, die nur durch das Zusammenwirken vieler Kräfte möglich wurde

Ursula Baus
Erschienen in
Zuschnitt 72: Das Ornament
Dezember 2018, Seite 8f

Für die Flüchtlings-Erstaufnahmestelle in einer ehemaligen amerikanischen Kaserne riefen 2015 die Baukulturbeauftragte Tatjana Dürr und der in Kaiserslautern lehrende Holzbauexperte Stefan Krötsch eine Initiative ins Leben: Studenten sollten in die Baupraxis geführt und Geflüchtete von der vorgeschriebenen Passivität befreit werden. 18 Studenten und 25 Flüchtlinge bauten in sechs Wochen zusammen ein Gemeinschaftshaus, dessen Entwurf in einem universitären Wettbewerbsverfahren ausgewählt wurde.

Das untemperierte Konstrukt bietet einen ruhigen Gartenhof mit Rückzugsnischen und einen halboffenen Raum, der für gemeinschaftliche Aktivitäten vorgesehen ist, außerdem Lager- und Werkstattraum. Balkendecken (Konstruktionsvollholz und Dreischichtplatten) sowie die Wände (Holzrahmenbauelemente aus Konstruktionsvollholz mit Beplankungen) wurden in einer benachbarten Halle präzise vorgefertigt und mit Transportwägen beziehungsweise Montagegerüsten, die die Studenten selbst entwickelt hatten, aufgestellt und eingebaut. Die geschlossenen Wände aus Fichte Dreischichtplatten wurden teils nur außenseitig, teils beidseitig mit senkrecht angeschraubten Brettern beplankt. Die Gitterträger und -wände sind mit fünf Lagen vertikal und diagonal montierten Douglasien-Latten (3 mal 5cm) zu einem hochleistungsfähigen, auch in der Dachebene aussteifend wirkenden dreidimensionalen Tragsystem verschraubt, das nur weniger Einzelfundamente bedurfte.

Die Gitterfassadenstruktur lässt in ihrer dreidimensionalen Offenheit von vielen Richtungen aus sehr unterschiedliche Transparenzzustände erkennen. Bei Sonnenschein werden zauberhafte Mustervarianten als Schatten auf den Boden oder gegenüberliegende Wände geworfen. Eine symbolische Aussage ist mit dem konstruktiv bedingten »Ornament« nicht verbunden, was seinen ästhetischen Reiz aber nicht im geringsten mindert. Bei der Planung, die Bauprozesse materialgerecht und zugleich einfach zu halten, kamen Stefan Krötsch seine Erfahrungen aus Projekten in Afrika zugute: Arbeitsintensive Bauprozesse sind dort preiswert, hier beim Mannheimer Projekt sind sie zudem mit Erfahrungs- und Erkenntnisgewinn für die Studierenden und Geflüchteten verknüpft. Die Erstaufnahmestelle liegt in einem Bereich der Bundesgartenschau, die 2023 in Mannheim ausgetragen wird. Dort lässt sich der vielfach ausgezeichnete und makellos konstruierte Holz-Pavillon problemlos weiternutzen.

Text

Ursula Baus
ist Architekturpublizistin und wissenschaftlerin. Sie ist Mitbegründerin von frei04 publizistik und seit 2014 Mitherausgeberin des Online-Architekturmagazins frei04 sowie seit 2017 Marlowes.

Gemeinschaftshaus der Flüchtlingsunterkunft Spinelli

Standort

Am Aubuckel, Mannheim/D

Bauherr

Regierungspräsidium Karlsruhe, Karlsruhe/D, www.rp.baden-wuerttemberg.de

Planung

Studentengruppe Atelier U20, Fachbereich Architektur der TU Kaiserslautern unter Leitung der Fachgebiete Tektonik im Holzbau, Tragwerk und Material und Digitale Werkzeuge, Kaiserslautern/D, www.uni-kl.de

Holzbau

Edgar Körber GmbH, Mannheim/D, www.koerber-gmbh.de, mit Studierenden des Ateliers U20 und Flüchtlingen

Projekt

www.design-build.space

Fertigstellung

2016