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Was ist konstruktive Schönheit?

Christoph Baumberger
Erschienen in
Zuschnitt 73: Unter Spannung
März 2019, Seite 24

Der traditionellen Auffassung nach basieren die Schönheit und allgemeiner der ästhetische Charakter eines Werks auf seinen Formeigenschaften. Ein Musikstück ist heiter aufgrund seiner Klangstruktur, ein Gemälde harmonisch aufgrund seiner Farbverteilung. Aber gehören bei Bauwerken nicht auch konstruktive Merkmale zu den Eigenschaften, die den ästhetischen Charakter bestimmen? Gibt es so etwas wie konstruktive Schönheit?

Der Philosoph Kendall Walton hat gezeigt, dass der ästhetische Charakter eines Werks auch davon abhängt, welche seiner Formeigenschaften üblich, welche variabel und welche unüblich sind relativ zu den künstlerischen Kategorien (wie Gattung, Genre und Stil), in die das Werk fällt.1 Für Gemälde ist es üblich, dass auf ihrer sichtbaren Oberfläche Farben aufgetragen sind; welche Farben wie aufgetragen sind, ist variabel; bewegliche, von der Oberfläche abstehende Elemente sind dagegen unüblich für Gemälde. Solche Elemente können einem Gemälde einen extravaganten Charakter verleihen, nicht aber einer Installation, für die sie üblich oder zumindest variabel sind. Waltons Ansatz eignet sich, um den Begriff der konstruktiven Schönheit zu klären.2 Dafür sind die künstlerischen Kategorien durch konstruktive Typen wie Strickbau, Ständerbau oder Tafelbau zu ersetzen.

Ein Bauwerk ist konstruktiv schön, wenn es für seinen Konstruktionstyp angemessen aussieht, weil die dafür üblichen Eigenschaften dominieren und ihre variable Ausgestaltung auf die Konstruktionsweise hindeutet. Das angemessene Aussehen kann daher rühren, dass das Bauwerk sein Tragverhalten zum Ausdruck bringt, indem es sein Tragwerk zeigt oder indirekt darauf anspielt. Das Erste ist der Fall, wenn es wie beim Strickbau und vielen Ingenieurholzbauten üblich ist, dass die Form durch das Tragwerk gebildet wird und die Ausgestaltung der üblichen Merkmale deren konstruktive Rolle expressiv überhöht, um das Konstruktionsprinzip zu verdeutlichen. Das Zweite ist der Fall, wenn die Verkleidung des Tragwerks wie beim Holzständerbau üblich ist und sie als strukturelles Ornament ausgebildet wird, das auf die verborgene Tragstruktur anspielt, indem es sie in vereinfachter Form nachzeichnet. Ein Bauwerk kann aber auch konstruktiv angemessen aussehen, ohne sein Tragwerk zu zeigen oder darauf anzuspielen, wenn es viele für seine Konstruktionsweise übliche und nur wenige dafür unübliche Formeigenschaften hat. Dieser Eindruck kann verstärkt werden durch variable Merkmale, die die Konstruktionsweise andeuten, ohne sie zum Ausdruck zu bringen. Das Haus Bearth-Candinas in Sumvitg von Bearth & Deplazes verschleiert sein Tragwerk durch eine Schindelhaut, hat aber viele übliche und kaum unübliche Merkmale für einen präfabrizierten Tafelbau. Manche seiner variablen Merkmale sind zudem unüblich für traditionelle Holzbauten und machen dadurch die Konstruktionsweise erkennbar. So deuten die homogene Schindelhaut und die unregelmäßig angeordneten Fenster an, dass das Haus auf einem Gefüge flächiger (statt einem Raster linearer) Elemente basiert. Es ist damit konstruktiv schön, ohne seine Konstruktion zum Ausdruck zu bringen.

Konstruktive Schönheit schließt Dissonanzen keineswegs aus. Dass ein Bauwerk seine konstruktiven Funktionen offensichtlich erfüllt, aber dafür unübliche Formeigenschaften hat, kann ihm eine irritierende Spannung verleihen. Ein solches Bauwerk ist konstruktiv schön, wenn die Spannung bei genauerer Betrachtung aufgehoben (und zugleich bewahrt) wird, weil sich die unüblichen Formeigenschaften letztlich als konstruktiv begründet erweisen. Das ist beim Mursteg von Meili & Peter Architekten und Ingenieur Jürg Conzett der Fall (s. Bild oben). Die Brücke ist augenscheinlich ein Holzbau, aber ihr flächiger Charakter erinnert an Betonbauten. Sie basiert auf einem Zentralträger, aber ihr asymmetrischer Aufbau sowie die riesige Öffnung in der Mitte sind dafür unüblich. Zudem lenken die Gebrauchsteile vom Zentralträger ab. Die Wandelebene verdeckt den Untergurt, die Dachscheibe den Obergurt, und die asymmetrisch angeordneten Schubscheiben sind erst auf den zweiten Blick als Bestandteile des Zentralträgers zu erkennen. Die resultierende Spannung trägt zur konstruktiven Schönheit bei, weil die unüblichen Formeigenschaften entgegen dem ersten Eindruck der Erfüllung der konstruktiven Funktionen dienen. Die räumliche Idee des asymmetrischen Aufbaus aus Scheiben und Platten mit der mittigen Öffnung und die damit scheinbar inkompatible konstruktive Idee des Zentralträgers werden so kombiniert, dass sie sich gegenseitig befördern. Einerseits ermöglicht die räumliche Entscheidung, die Schubscheiben zur Längsachse zu versetzen, ein einfacheres Anschlagen an den Gurten und ein größeres Auflager als bei einem ebenen Rahmenträger. Andererseits verlangt die Entscheidung für einen Zentralträger eine kräftige Dimension der Gurte, um die große Öffnung in der Mitte zu ermöglichen.3 Dies verleiht der Brücke eine (mit mathematischen Beweisen vergleichbare) Eleganz, die nur für diejenigen erkennbar ist, die das Konstruktionsprinzip verstehen.

1 Kendall Walton: Categories of Art, in: Philosophical Review, Nr. 79/1970, S. 334 – 367.
2 Christoph Baumberger: Konstruktive Schönheit. Zur ästhetischen Erfahrung und Wertschätzung von Architektur, in: Mario Rinke, Josef Schwartz (Hg.): Holz: Stoff oder Form. Transformationen einer Konstruktionslogik, Sulgen 2014, S. 187 – 207.
3 Mohsen Mostafavi (Hg.), Structure as Space. Engineering and Architecture in the Works of Jürg Conzett and his Partners, London 2006, S. 280–300, S. 282.

Text

Christoph Baumberger

ist Oberassistent am Institut für Umweltentscheidungen der ETH Zürich und Privatdozent für Philosophie an der Universität Bern. Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift Architecture Philosophy (www.isparchitecture.com/journal).