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Stückweise Täfer

Zu Besuch im Landesmuseum Zürich

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 74: Im Innenraum
Juni 2019, Seite 11

Gleich neben dem Zürcher Hauptbahnhof liegt das Landesmuseum Zürich. Hier gibt es wunderbare historische Zimmer aus Holz zu sehen. Diese Täferzimmer zeugen von der Kunstfertigkeit und dem Holz- und Hölzerreichtum des 15. bis 17. Jahrhunderts in der Schweiz. Die Sanierung des Westflügels, der Herberge dieser historischen Zimmer, ist fast abgeschlossen. Die offizielle Eröffnung ist für Herbst 2019 geplant. Wir baten Mona Farag, Partnerin im Architekturbüro Christ & Gantenbein und Projektleiterin der Sanierungen, um einen ersten Einblick.

Wann haben Sie die historischen Zimmer das erste Mal gesehen und was war Ihr erster Eindruck?

Farag: Das war 2002, als Christ & Gantenbein den Wettbewerb für die Sanierung und die Erweiterung des Landesmuseums gewonnen haben und ich mit den Bestandsaufnahmen begonnen habe. Der erste Eindruck war toll. Diese Zimmer erzählen so viel aus vergangenen Zeiten in ihrer Vielfalt und Detaildichte.

Hatten Sie bei der Sanierung der historischen Zimmer überhaupt eine Gestaltungsmöglichkeit?

Farag: Eigentlich nicht. Wir durften nichts verändern, und das ist auch richtig so. Wir durften nicht ein einziges Loch bohren. Das Einzige, das wir sichtbar hinzugefügt haben, war die Beleuchtung. Wir haben überlegt, die vorhandenen Astlöcher für unsere Durchführungen zu verwenden, haben sie sogar mit dem Geometer aufgemessen, aber sie haben dann von der Geometrie her am Ende doch nicht exakt genug gepasst. Dort, wo wir eine Bohrung für die Beleuchtung machen mussten, wurde die Originaltäfelung abgenommen, archiviert und durch ein neues Holzelement ersetzt.

Alle Täfelungen der Zimmer wurden ja komplett ausgebaut, zwischengelagert und später wieder originalgetreu eingebaut. Das waren pro Zimmer an die 350 Einzelteile. Haben Sie durch den Aus- und Einbau etwas dazugelernt?

Farag: Unser Know-how war hier nicht sehr gefordert, weil die Arbeiten von Restauratoren ausgeführt wurden. Sie wussten, was zu tun ist. Unser Schwerpunkt war die Integration der neuen technischen Infrastruktur von der Haustechnik bis zur Sicherung gegen Erdbeben, ohne dass nachher etwas davon sichtbar ist. Das war eine große Herausforderung. Die Vorgabe des Denkmalschutzes und des Museums an uns war, weder die Bekleidung noch deren Unterkonstruktion zu verändern, weil auch diese historisch ist. Das ist uns gelungen, aber wir mussten für jeden Raum eine individuelle Lösung entwickeln.

Historische Zimmer

Die sogenannten Period Rooms sind original historische Raumarchitekturen, die im späten 19. Jahrhundert zu begehrten Sammlerobjekten wurden. Gerade die Täferzimmer, die für den Alpenraum typisch sind und sich relativ leicht ausbauen ließen, wurden zunehmend nachgefragt. Dies führte in der Schweiz zu einem zunehmenden Bewusstsein für das eigene Kulturgut und zu ersten Bemühungen, dieses zu bewahren, was schließlich in den Bau des Landesmuseum Zürich mündete. Der Westflügel des von Gustav Gull errichteten Nationalmuseums beherbergt die historischen Zimmer – wie z. B. diese Stube von 1585, die aus einem Palast aus Chiavenna (IT) stammt – sowie zahlreiche Wand- und Deckentäfer, die geschickt in die räumliche Gesamtkonzeption eingepasst sind.

Fotos

© Roman Keller

Die Schweizer Architekten Christ & Gantenbein gewannen 2002 den zweistufigen internationalen Wettbewerb zur Erweiterung und Sanierung des Landesmuseums. Der Erweiterungsbau und die Sanierungen sind bis auf den Ostflügel bereits abgeschlossen. Mona Farag ist Projektleiterin der Baumaßnahmen im Landesmuseum Zürich und Partnerin im Büro Christ & Gantenbein. www.nationalmuseum.ch, www.christgantenbein.com

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at