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Langzeitaufgabe Waldumbau
Wald – Holz – Klima

erschienen in
Zuschnitt 89 Holz und Spiele, Juni 2023

Weiterbauen, Umbauen, Erneuern, Revitalisieren: Das sind wichtige Schlagwörter, um den bestehenden Gebäudebestand aufzuwerten und an die Ansprüche zukünftiger Bewohner:innen anzupassen. Klimafreundlich und mit möglichst geringen zusätzlichen Treibhausgasemissionen soll das geschehen. Wie im Wohnbau sind Umbau und Anpassung auch die wichtigsten Strategien, um unsere Wälder für den Klimawandel fit zu machen. Doch wie funktioniert das und was ist die Motivation dahinter? Und müssen wir überhaupt eingreifen oder macht das die Natur nicht von alleine? 

Die Entscheidung für einen Umbau an Haus oder Wohnung kommt meist aus dem Wunsch nach etwas Neuem, Größerem oder Funktionellerem. Oft ist es auch die Notwendigkeit einer Erneuerung, z. B. im Hinblick auf die Einsparung von Energie. Oder es ist schlicht ein Generationswechsel, im Zuge dessen neue Bewohner:innen ihre eigenen Ideen und Wünsche umsetzen wollen. Auch beim Waldumbau kommen verschiedene Motive und Zielvorstellungen zusammen und werden von sozialen, ökologischen und ökonomischen Faktoren beeinflusst. Und auch hier spielt der Generationswechsel eine wichtige Rolle: Für die Nachkriegsgeneration, die Hunger und Holznot erlebt hat, war die Wiederaufforstung mit Fichte und Kiefer die beste Möglichkeit, die leergeräumten Wälder wiederzuerwecken und Rohstoffe für die wachsende Wirtschaft zu gewinnen. Doch mit der Entstehung der Umweltbewegung und spätestens seit dem emissionsbedingten Waldsterben der 1980er Jahre begann auch beim Wald ein Umdenken. Dass sich die Bewirtschaftung verändert hat, lässt sich bereits heute eindeutig an Zahlen ablesen. So nahm der Anteil der Laub- und Mischwälder in den letzten dreißig Jahren permanent zu: von rund 35 Prozent Mitte der 1990er Jahre auf 44 Prozent Anfang der 2020er Jahre. Im selben Zeitraum nahm der Anteil der Fichtenreinbestände – das sind diejenigen Wälder, in denen die Fichte mehr als 80 Prozent der Fläche stellt und die oft als Monokulturen bezeichnet werden – von 43 auf 35 Prozent ab. Schreibt man diesen stark von sozioökonomischen Faktoren getriebenen Waldumbau in die Zukunft fort, dann ist um das Jahr 2080 in Österreich nur mehr ein Nadelholzanteil von 50 Prozent der Waldfläche zu erwarten. Zu diesem Ergebnis kommt man, auch ohne den Klimawandel explizit zu berücksichtigen. Doch spätestens seit im letzten Jahrzehnt immer wieder neue Temperaturrekorde aufgestellt werden und die davon ausgelösten Borkenkäferschäden europaweit sichtbar sind, gilt der Klimawandel als wichtigster Faktor für die zukünftige Waldentwicklung. In welche Richtung sich der Wald entwickeln sollte, wird breit diskutiert, denn der Wald hat eine Doppelrolle. Einerseits ist er selbst vom Klimawandel betroffen und würde aktive Anpassungsmaßnahmen benötigen. Andererseits ist seine Fähigkeit, Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufzunehmen, ein wesentlicher Beitrag zum Klimaschutz. Diese Fähigkeit ist angesichts der immer häufigeren Trockenperioden, schwereren Stürme und anderen Extremereignisse jedoch schwer aufrechtzuerhalten. Denn viele Baumarten unserer heutigen Wälder – die viel diskutierte Fichte, aber auch Lärche, Rotbuche oder Weißtanne – kommen mit den neuen Voraussetzungen nur bedingt zurecht. Über die Anpassungsmaßnahmen, mit denen unsere Wälder umgebaut werden sollen, sind sich die Wissenschaftler:innen weitestgehend einig. Dazu gehören u. a. ein noch stärkerer Einsatz von Mischbeständen mit für den jeweiligen Standort und das erwartete Klima tauglichen Baumarten, der Einsatz von Samen, die aufgrund ihrer Herkunft bereits an das wärmere Klima angepasst sind, stärkere Durchforstungen für eine höhere Stabilität der Bestände, vitalere Wurzeln und ein angepasster Wildbestand, denn klimataugliche Baumarten werden vom Wild bevorzugt verbissen.

Eine Umbau an Haus und Wohnung sollte möglichst schnell vonstattengehen, um die Bewohner:innen möglichst wenig zu belasten. Im Gegensatz dazu sollte der Umbau im Wald möglichst lange dauern, denn ein schneller Umbau gefährdet die nachhaltige Waldbewirtschaftung. Bei dieser finden sich junge, mittelalte und alte Bestände nebeneinander im Wald. So wird immer nur ein Teil der Bestände geerntet und niemals mehr Holz geschlagen, als im selben Zeitraum zuwachsen kann. Ein optimaler Waldumbau in Österreich würde somit 80 bis 150 Jahre dauern, da die meisten Bestände in diesem Alter geerntet werden. Ein langsamer Waldumbau ermöglicht der oder dem Nutzer:in zudem, neue Baumarten und deren Bewirtschaftung zunächst auf kleiner Fläche zu erproben und so – durch Trial und Error – das ökologisch und ökonomisch bestmögliche System für die zukünftigen Bedingungen zu finden. Auch aus Sicht des Klimaschutzes ist ein langsamer Umbau wünschenswert. So können die gefährdeten Nadelholzbestände nach und nach geerntet und ihr Kohlenstoff in langlebigen Holzprodukten – wie im Holzbau – gespeichert werden, während die wuchsfreudigeren jungen und mittelalten Bestände weiterhin hohe Mengen Kohlendioxid aufnehmen können. Allerdings ist es sehr fraglich, ob dafür genügend Zeit bleibt, denn der Klimawandel schreitet sehr viel schneller voran als die Waldentwicklung. Viele Waldbewirtschafter:innen mussten bereits erleben, dass ein Extremereignis die Anstrengungen eines halben Jahrhunderts zunichte gemacht hat. Die Umsetzung und der langfristige Erfolg des Waldumbaus sind von zahlreichen Voraussetzungen abhängig. Ganz wesentlich dabei ist die Aus- und Weiterbildung der forstlichen Bewirtschafter:innen sowie aller an der Planung und Bewirtschaftung beteiligten Personen. Hintergrund der notwendigen Qualifizierung ist das größere Know-how, das für die Pflege von Mischbeständen und die Erziehung von Laubwertholz nötig ist. Nur so wird sichergestellt, dass in zukünftigen Wäldern wertvolles Stammholz für die primäre Nutzung in der Möbel- und Bauwirtschaft wächst und nicht nur Biomasse für die Energieerzeugung. Eine weitere Herausforderung des Waldumbaus betrifft die Verfügbarkeit von geeigneten Baumsamen und Forstpflanzen. Forstbaumschulen, die bisher vor allem Nadelbäume produziert haben, müssen mittelfristig ihre Produktion umstellen bzw. erweitern. Zudem müssen neue Saatgutquellen erschlossen werden, denn während sich aus einem Kilogramm Fichtensamen mehr als 100.000 junge Pflanzen ziehen lassen, reicht ein Kilogramm Eichensamen nur für rund 250 junge Bäume. Zudem lassen sich Fichtensamen mehr als dreißig Jahre ohne Qualitätseinbußen lagern, während die Samen von Eiche, Buche und Tanne nur ein bis fünf Jahre haltbar sind. Beim Waldumbau selbst ist aber auch die Wissenschaft stärker gefordert: Neben dem Klimawandel als solchem muss auch verstärkt erforscht werden, wie die verschiedenen Baumarten und deren Samenherkünfte unter den sich ändernden Bedingungen wachsen und wie sie mit zunehmenden Extrembedingungen umgehen können. Zudem gilt es, neue Modelle für die Bewirtschaftung von Mischbeständen
zu entwickeln und in der Praxis zu demonstrieren. Nicht nur die Forstwirtschaft selbst, sondern die gesamte Wertschöpfungskette Holz benötigt Innovationen, um sich langfristig an das sich ändernde Rohstoffangebot anzupassen. Obwohl auch in den nächsten Jahrzehnten noch genügend Nadelholz verfügbar ist, müssen schon heute die Holz- und Bautechnologien entwickelt werden, um aus den Sortimenten der Zukunft ebenso wertvolle und langlebige Holzprodukte bauen zu können wie heute.

Kontakt

Institut für Waldwachstum, Waldbau und Genetik
Die zentralen Aufgaben des Instituts für Waldwachstum, Waldbau und Genetik sind der Aufbau, die Erhaltung und Nutzung von Waldbeständen unter Beachtung ökologischer und ökonomischer Gesichtspunkte. Es erfasst das Waldwachstum als Nachhaltigkeitskriterium und prüft waldbauliche Behandlungskonzepte und Arbeitsverfahren.

Silvio Schüler, Institutsleitung
T +43 (0)1/878 38-22281
silvio.schueler(at)bfw.gv.at

Bundesforschungs- und Ausbildungszentrum für Wald, Naturgefahren und Landschaft
Seckendorff-Gudent-Weg 8
1131 Wien
www.bfw.gv.at

Erschienen in

Zuschnitt 89
Holz und Spiele

Velodrom, Dreifachturnhalle, Kegelbahn – in diesem Zuschnitt dreht sich alles um das Bauen für den Sport.

8,00 €

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Zuschnitt 89 - Holz und Spiele