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Geschichte des Waldes

Elisabeth Johann
Erschienen in
Zuschnitt 8: Forst & Holz
Dezember 2002 - Februar 2003

Wälder können ohne den Menschen leben, wir Menschen aber nicht ohne den Wald
Durch Jahrtausende war der Wald für die Menschheit Reserve und Ressource zugleich und er gab ihr alles, was sie zum Leben und Überleben brauchte: Er lieferte die benötigten Güter wie Holz, Früchte, Beeren, Pilze, Honig und Arzneien und bot Schutz vor Elementarereignissen wie Lawinen, Murenabgängen und Hochwasser. Häufig war er dabei nur ein dienendes Glied eines anderen Wirtschaftszweiges, bestimmter Gewerbe oder Industrien oder der Jagd. Vor allem aber trug er als sogenannter »Nährwald« zur Existenzsicherung der ländlichen Bevölkerung bei, die ohne die landwirtschaftliche Nutzung des Waldes in Form von Brandwirtschaft, Waldweide und Streunutzung nicht hätte überleben können.
Stets war das Holz ein wertvoller Rohstoff, der spätestens nach den ersten Ansiedlungen und mit dem Anwachsen der Bevölkerung für die Deckung des menschlichen Lebensbedarfs in ständig wachsendem Umfang benötigt wurde. Das Holz griff in alle Gebiete des Kulturdaseins hinein und war bis ins 19. Jahrhundert für alle Zweige des Wirtschaftslebens die Vorbedingung ihrer Blüte.

Der Holzverbrauch der Bevölkerung ist für die vorgeschichtliche wie für die frühgeschichtliche Zeit, besonders aber seit dem Mittelalter nicht zu gering einzuschätzen. Allein das zum Zweck gewerblicher Holznutzung abgegebene Nutzholz umfasste laut »Taxbüchel des Waldamtes im Wienerwald« von 1671 - 76 verschiedene Sortimente wie Eichenstämme, Tannenholz, Binderholz, Leiterholz, Kohlholz, Kalkholz, Drechslerholz, Tischlerholz, Schindeln usw. In dem »Brenn- und Bauholzaufschlag« Kaiser Leopolds von 1698 werden sogar 90 Holzsortimente erwähnt.

Holz hatte bis zu seiner Substitution durch fossile Brennstoffe im Rahmen der industriellen Revolution eine absolut dominierende Stellung als fast ausschließliche Wärme-, Kraft- und Energiequelle für das frühkapitalistische Großgewerbe, insbesondere die Montanindustrie, sowie als Rohstoff für den gewerblichen wie privaten Gebrauch. Vor allem in den Alpenländern war der Bedarf der Montan- und Salinenwälder ein so großer, dass sogar die schönsten Nutzholzbestände nicht nur an Fichte, sondern auch an Lärche und Zirbe in die Kohlenmeiler oder als Hallholz in die Sudpfannen der Saline wanderten.

Für den Abbau und die Weiterverarbeitung von Erzen, besonders von Eisenerz und Salz, war der Wald die Grundlage, das Holz das wichtigste Betriebsmittel. Holz brauchte man für die Herstellung der Grubenbauten, für die langen Holzrohre als Transportmittel der Sole zu den Pfannhäusern, für Kufen und Fässer zur Verpackung des Salzes, für Salzschiffe, Riesen, Klausen, Triftrechen und Uferschutzbauten, am meisten aber als Brennholz zum Aussieden der Salzsole in den Pfannen, als Holzkohle zum Ausschmelzen des Eisenerzes in den Hochöfen und zum Schmieden des Eisens in den Hammerwerken. Durch die Verleihung des Berg- und Forstregals an geistliche und weltliche Landesfürsten durch die deutschen Könige wurde nicht nur der Abbau von Erzen und Salz am Berg geregelt, sondern auch die Holzversorgung der Salinen, Berg-, Hütten-, Hammer- und Sudwerke gesichert, die aufgrund eines wirkungsvollen Steuersystems die wichtigste Einnahmequelle für den Fiskus darstellten

Der frühkapitalistischen und merkantilistischen Einstellung der Staatsgewalt entsprechend wurden dabei die Interessen der Montan- und anderer Industriebetriebe in den Vordergrund gestellt. Die Zeit von 1500 bis 1800 ist somit dadurch gekennzeichnet, dass eine weitgehend naturalwirtschaftliche Selbstversorgung der Bauern und Bürger mit Brennholz in eine Periode überging, in der sich die erwerbswirtschaftlichen Tendenzen des Großgewerbes über die hauswirtschaftliche Bedarfsdeckung schoben. In der Auswirkung auf den Wald ist durch diese Verknappung der Ressourcen ein regionales Anwachsen großflächenhafter Nutzungen festzustellen. Da der Holztransport mühsam und teuer war, kam es zu einer Konzentration der Holznutzung überall dort, wo entsprechende Transporteinrichtungen gebaut werden konnten. Damit aber geriet die Montanindustrie in Konflikt mit der örtlichen Bevölkerung, die um die nachhaltige Holzversorgung ihrer Bauernhöfe fürchten musste. Aber auch die von den Bauern praktizierte landwirtschaftliche Nutzung des Waldes in Form von Waldweide und Streunutzung war der großgewerblichen Holzerzeugung, sowie auch den Förstern ein Dorn im Auge.   

Eine örtlich vielfach spürbare Holzverknappung gab Anlass, sich Sorgen um die Erhaltung des Waldes und seiner Erträge zu machen. Sie gab damit den entscheidenden Anstoß an einen Ausgleich innerhalb der Nutzungsinteressen zu denken. Damit begann der Wandel von der Ausbeutung des Waldes zu einer geregelten Forstbewirtschaftung mit Ordnung der Nutzung und Sorge um einen nachhaltigen Nachwuchs. Das wichtigste Kriterium aller gesetzlichen Nutzungsregelungen war die Sicherung der Holzversorgung, die nur möglich schien durch eine nachhaltige Bewirtschaftungsweise der Wälder.  

Wegen der Langfristigkeit des Heranwachsens der Wälder war eine Waldbestandsaufnahme z.B. in Form sogenannter »Waldbereitungen« eine wichtige Voraussetzung für eine langfristige Planung. Sie bildeten für eine lange Zeit auch die Grundlage für alle weiteren legistischen Maßnahmen. In späteren Jahrhunderten gingen daraus die Forsteinrichtungen und in der heutigen Zeit die Großrauminventuren als ein forstpolitisches Informationsinstrument hervor. Die Anfänge einer systematischen Pflege des Waldes lassen sich bereits in den königlichen Forsten verfolgen. Im Jahre 888 werden auf den Königsgütern um Wels Förster und Jäger ausdrücklich bezeugt. Auch in den Wirtschaftsvorschriften Karls des Großen heißt es: »Wo Wälder sein müssen, da sollen sie nicht zugeben, dass sie zu sehr behauen und verwüstet werden«. In der Dienstordnung an den Förster zu Dornbach im Wienerwald wurden bereits im Jahre 1308 wichtige Hinweise für die Wiederbestockung nach Abtrieb gegeben: 10 bis 12 Eichenstämme ließ man als Samenbäume stehen.   

Die Gründe, den Wald vor anthropogenen Einflüssen zu schützen, haben analog mit der Entwicklung der Kultur im Laufe der Geschichte Veränderungen erfahren, jedoch sind nur wenige von ihnen hinfällig geworden. Solche Motive waren etwa die Sicherung des kaiserlichen Jagdreviers, oder die Brennholzversorgung der ländlichen und städtischen Bevölkerung, oder die nachhaltige Holzversorgung der Montanwerke. Daher finden sich Waldnutzungsregelungen und Waldbewirtschaftungsvorschriften bis ins 19. Jahrhundert sowohl in den spätmittelalterlichen Weistümern der einzelnen Ortschaften, wie auch in lokalen und landesherrlichen Wald- und Forstordnungen, die seit dem 13. Jahrhundert publiziert wurden.   

Einer der wesentlichsten Punkte dieser Vorschriften war die Regelung der Holznutzung. Jedoch enthielten diese Gesetze bereits auch Anweisungen zur Wiederbewaldung und oft eine Reihe von waldpfleglichen Maßnahmen, wie das Verbot des Streurechens, Anweisungen für die Durchführung von Durchforstungen und ein Nutzungsverbot für junge Waldbestände. Schließlich wurde mit dem Forstgesetz vom 3. Dezember 1852 ein Jahrhundertwerk geschaffen, das bis zum Jahr 1975 Gültigkeit hatte. Es hatte keine Beziehung mehr zu den Waldordnungen vergangener Tage und stellte die Bewirtschaftung der Wälder auf eine völlig neue moderne Grundlage.    

Als oberste Maxime galt dabei, dass die Waldfläche in Österreich in ihrem vollen Umfang erhalten bleiben sollte. Die große Welle zum Schutz des Gebirgswaldes im Interesse der Landeskultur kam in Österreich allerdings erst mit Beginn des 19. Jahrhunderts auf, als als Folge der großen Kahlschläge erhebliche landeskulturelle Schäden wie katastrophale Murenabgänge und Überschwemmungen auftraten.  Mit der zunehmenden Belastung der Natur durch den Menschen wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etwa gleichzeitig wie in allen Kulturstaaten Mitteleuropas auch in Österreich die Idee des Naturschutzes von einer Gesellschaftsschicht aufgegriffen, die in städtischen Ballungsgebieten wohnte und nicht mehr unmittelbar aus der ökonomischen Nutzung der Wälder Vorteile zog. Anders als bei dem Schutzwaldgedanken stand hier der Wald selbst im Vordergrund, nämlich die Erhaltung des Waldes um seiner selbst Willen als ein wesentlicher und unverzichtbarer Teil der Landschaft. Diesen Gedanken versuchten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einige Forstleute in die Tat umzusetzen, indem sie kulturelle und ästhetische Gesichtspunkte der Waldwirtschaft berücksichtigten. Manche Waldeigentümer gingen sogar so weit, Waldflächen, die noch Urwaldcharakter aufwiesen, ganz außer Nutzung zu stellen.   

Das uns in der Gegenwart vertraute Bild des österreichischen Waldes ist in einem hohen Maß durch die forstliche Tätigkeit geformt und nicht viel mehr als 200 Jahre alt. Ein Vergleich mit der ursprünglichen Bestockung zeigt, dass sich der Anteil der einzelnen Baumarten im vergangenen Jahrtausend stark verändert hat. Insgesamt stehen die Nadelbäume heute wesentlich mehr im Vordergrund als im Naturwald, die Laubbäume wurden auf die Hälfte reduziert. Die vielhundertjährigen Alteichen und Buchen, die noch im Mittelalter einen wesentlichen Bestandteil der Wälder bildeten, und die durch ihr hohes Alter und ihre Mächtigkeit dem Menschen als ein überzeitliches und riesenhaftes Sinnbild erschienen und damit zu der hohen kultischen Stellung von Baum und Wald im Brauchtum führten, sind lange schon aus unseren heimischen Wäldern verschwunden. Doch letztlich gilt der Wald in der Kulturlandschaft - im Gegensatz zum waldfreien Land - noch immer als schlechthin etwas Ewiges, selbst wenn er gesät oder gepflanzt ist.              

Urwald im Altvatergebirge, 1904 im Eigentum des Fürsten Johann Lichtenstein.

Text

Elisabeth Johann
  • Studien der Rechtswissenschaften, Geschichte, Volkswirtschaft, Forstwissenschaft an den Universitäten Wien, München, Freiburg
  • Mitarbeit an Projekten der Universitäten München, Wien, der Universität für Bodenkultur Wien und der Österr. Akademie der Wissenschaften (Umweltmonitoring)
  • Vertretungsprofessur an der Universität Freiburg, Arbeitsbereich Forstgeschichte
  • Lehrauftrag an der Universität für Bodenkultur für Internationale Forstgeschichte
  • 1995 Leiterin der Fachgruppe Forstgeschichte der IUFRO, des Internationalen Verbandes forstlicher Forschungsanstalten und der Arbeitsgruppe Forstgeschichte des Österreichischen Forstvereins
  • Autorin bzw. Mitautorin von fünf Büchern und rund vierzig wissenschaftlichen Arbeiten
  • Arbeitsschwerpunkt ist die Mitarbeit am Projekt »Umweltgeschichte der Stadt Wien« (Holzversorgung und Umweltbewegung)