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Temporäre Architektur – 100 Prozent abbaubar

Wespennester, genauer die Nester der Langkopfwespen, werden an geschützten Stellen hängend positioniert und bestehen aus Papier, das im Wesentlichen gleich produziert wird wie von uns Menschen.

erschienen in
Zuschnitt 28 Papier ist Holz, Dezember 2007
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Der Herbst ist die richtige Jahreszeit, um sich auf die Suche zu begeben nach den leichten Gebilden, die unscheinbar und unendlich fragil an Bäumen, unter Dachüberständen, an grob geputzen Mauern oder auf Dachböden hängen. Hat man schließlich eines gefunden, dann tut man – sofern es noch bewohnt wird – gut daran, den Rückzug anzutreten, um später wiederzukommen. Ist es jedoch bereits verlassen, dann kann man es – mit großer Vorsicht – abnehmen, nach Hause tragen und den staunenden Kindern zeigen.

Die Rede ist von Wespennestern, genauer von den Nestern der staatenbildenden Langkopfwespen, die ihre Behausungen nicht unterirdisch, sondern an geschütz- ten Stellen hängend bauen. Diese Nester bestehen aus Papier, das im Wesentlichen gleich produziert wird wie von uns Menschen: Die Insekten zerkleinern mit ihren Mundwerkzeugen weiche, meist morsche Holzstückchen und zerlegen sie in ihre Faserbestandteile. Zugleich werden diese mit Speichel als Bindemittel vermischt, sodass ein Brei entsteht, der zu Waben geformt wird, in welche die Königin Eier ablegt und so einen Wespenstaat gründet. Solange das Volk klein ist, bleibt das Nest – Wabe an Wabe – flach. Mit wachsender Einwohnerzahl werden neue Ebenen hinzugefügt und der Bau erhält seine kugelförmige, mit Belüftungskaminen und einem Flugloch an der tiefsten Stelle versehene Gestalt.

Je nach Wespenart entsteht auf diese Weise eine Behausung für bis zu 8000 Individuen; ein perfekter Mikrokosmos für eine Saison. Denn mit dem Ende des Sommers naht auch das Ende des Volkes. Die Insekten sterben ab und nur eine Königin überwintert an geschütztem Ort und mit gefüllter »Samentasche«, um im folgenden Jahr mit dem Bau einer neuen »ersten Wabe« zu beginnen und damit die Basis für ein neues Volk zu schaffen.

Grammaturen:
Zigarettenpapier 17g/m²
Bibeldruckpapier 22g/m²
Langkopfwespennest ca. 37g/m²
Telefonbuchpapier 40g/m²
Zeitungspapier 45 g/m²
Zuschnitt-Papier 115 g/m²

 

Text
Eva Guttmann
Leitende Redakteurin der Zeitschrift »zuschnitt«
redaktion@zuschnitt.at

Erschienen in

Zuschnitt 28
Papier ist Holz

Zuschnitt ist Papier; in dieser Ausgabe zugeschnitten auf Papier.

8,00 €

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Zuschnitt 28 - Papier ist Holz