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Alice Aycock

Stefan Tasch
Erschienen in
Zuschnitt 79: Holztreppen
Dezember 2020, Seite 28

Die amerikanische Künstlerin Alice Aycock studierte ab Mitte der 1960er Jahre in New York. 1971 schloss sie ihre Masterarbeit bei Robert Morris ab, dem Bildhauer, Konzeptkünstler und frühen Wegbereiter des Minimalismus. Aycock erarbeitete sich über die Jahre eine eigenständige Formensprache, die die Kunstrichtung des Minimalismus erweiterte. Dabei stellte sie die emotionale und psychologische Komponente von Architektur und Raum in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Die hier abgebildete Raumskulptur »Studies for a Town« (304 x 350 x 369 cm) wurde erstmals 1977 im Museum of Modern Art (MoMA) in New York gezeigt. Sie vereint unterschiedliche architektonische Zitate, darunter die zweiläufige Bogentreppe und die Form des römischen Amphitheaters. Aber auch Formen eines Bunkers, eines mittelalterlichen Wehrturms oder einer Wüsten-Zitadelle sind erkennbar. Aycocks wichtigster architektonischer Bezugspunkt für die zur Gänze aus Holz gebaute Skulptur sind jedoch indische Observatorien (Jantar Mantar) aus dem 18. Jahrhundert – eine Art Treppenarchitektur für wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn. Insgesamt gibt es fünf dieser historischen astronomischen Sternwarten, die Maharadscha Jai Singh II. zwischen 1724 und 1734 in Delhi, Ujjain, Mathura, Varanasi und Jaipur errichten ließ. Die größte dieser Anlagen in Jaipur beherbergt 14 nach astronomischen Gesichtspunkten entworfene Bauwerke. Diese dienen unter anderem der Messung der Zeit, der Voraussage von Eklipsen, der Beobachtung der Planetenbahnen und der Bestimmung von astronomischer Höhe. Das größte Bauwerk ist das Samrat Jantar, eine Sonnenuhr mit einer Höhe von 27 Metern, die die Zeit auf etwa 2 Sekunden genau anzeigen kann. Obwohl alle diese Bauwerke über Treppen begehbar sind, hat sich Aycock in »Studies for a Town« dafür entschieden, den Treppenverlauf für den Betrachter zu versperren und damit die Begehbarkeit und Funktionalität durch die Imagination und Wirkung der Skulptur zu ersetzen. 1979 entwickelte Aycock die Arbeit »Stairs (These Stairs Can be Climbed)«, eine Skulptur, die aus einem raumfüllenden Treppenfragment besteht, das bis unter die Decke des Ausstellungsraumes reicht. Diese Arbeit greift die ursprüngliche Funktion einer Treppe auf, die auch begehbar ist, allerdings erfüllt diese aus Holz gefertigte Arbeit lediglich ein transistorisches Moment. Dem Betrachter erschließt sich am Ende der Treppe keine weitere Ebene, keine Aussichtsplattform, sie ist vielmehr ein Teilstück einer virtuellen Sequenz. Dieser konzeptuelle Ansatz – die Idee der Isolierung von Elementen als Teil einer Choreografie, einer komponierten Bewegung – taucht in Aycocks Werk immer wieder auf. Letztlich ist es ein sehr poetischer Ansatz, der sich in »Studies for a Town« manifestiert.

Alice Aycock

geboren 1946 in Harrisburg, Pennsylvania/US
Lebt und arbeitet in New York

Einzelausstellungen (Auswahl)

  • 2020 Sechs Arbeiten aus »The Turbulence Series«, organisiert von der Princess Estelle -Cultural Foundation Royal Djurgården, Stockholm
  • 2019 Twister Grande (tall), Galerie Thomas Schulte, Berlin
    Selected Works 1971 – 2019, Sprengel Museum, Hannover
  • 2018 Early Works, Galerie Thomas Schulte, Berlin
  • 2017 The Turbulence Series, Marlborough Gallery, New York
  • 2016 Waltzing Matilda And Twin Vortexes, The Mennello Museum of American, Orlando, Florida
  • 2015 Twists and Turns, Georgia Museum of Art, Athens, Georgia

Gruppenausstellungen (Auswahl)

  • 2020 Works from the 1980s, Marlborough Gallery, New York
  • 2018 Beautiful Strangers, Berkshire Botanical Garden, Stockbridge, Massachusetts
    Sixth Sense, Walter Storms Galerie, München
  • 2017 Projects for the Page, Center for Contemporary Art & Culture at Pacific Northwest College of Art, Portland, Oregon
  • 2016 Sculpture at Pilane 2016, Pilane Heritage Museum, Pilane/SE
    Drawing Dialogues: Selections from the Sol LeWitt Collection, The Drawing Center, New York
    Large Sculptures, Marlborough Gallery, New York
  • 2015 40 Years/40 Artists, University Museum of Contemporary Art, University of Massachusetts
    Alternativa 2015 Vernacularity, Wyspa Institute of Art, Danzig
    The Annual 2015: The Depth of the Surface, National
    Academy Museum & School, New York

Text

Stefan Tasch

Studium der Kunstgeschichte in Wien und Edinburgh, Arbeit in verschiedenen Museen und Galerien