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Stufen, auf denen die Kinder gerne sitzen

Schultreppen bei Herman Hertzberger

Anneke Bokern
Erschienen in
Zuschnitt 79: Holztreppen
Dezember 2020, Seite 17

Kaum ein anderer Architekt hat den modernen Schulbau so geprägt wie Herman Hertzberger. Angefangen mit einer winzigen Montessorischule in Delft, hat er in den letzten sechzig Jahren insgesamt etwa dreißig Schulen in den Niederlanden gebaut, deren typologische Neuerungen Generationen von Architekten in aller Welt beeinflusst haben. Eine dieser Innovationen war die Tribünentreppe, die Hertzberger erstmals in den 1983 eröffneten Apolloschulen in Amsterdam verwendete und die inzwischen zum Standardvokabular des Schulbaus gehört.

Hertzberger, geboren 1932 in Amsterdam, besuchte als Kind selber eine Montessorischule. »In der gesamten Erziehungsgeschichte hat sich immer alles nur darum gedreht, wie man Menschen Disziplin beibringt«, sagte er einmal. »Für mich ist Erziehung aber mehr als die Vermittlung dessen, was man tun oder wissen sollte. Sie ist eine kreative Haltung, die einen inspirieren sollte, über das hinauszugehen, was von einem erwartet wird.« Ganz in diesem Sinne lieferte Hertzberger auch beim Entwurf der beiden Apolloschulen, die als eineiige Zwillingsbauten auf einem Platz in Amsterdam stehen, mehr, als von ihm erwartet wurde. Indem er alle Klassenzimmer in die Ecken des Bauvolumens schob, entstand im Herz des Gebäudes ein Atrium. Mitten in diesem Atrium liegt eine breite Treppe mit doppelt hohen und tiefen Stufen, auf denen teils Sitzkissen liegen. An Schultagen trifft man dort Kinder an, die grüppchenweise an gemeinsamen Projekten arbeiten, ein Brettspiel spielen oder ihr Pausenbrot essen; bei Veranstaltungen dient sie als Tribüne. Die Treppe wird als Sitzobjekt, Tisch und Spielgerät genutzt. Viele Kinder ziehen sogar ihre Schuhe aus, wenn sie darauf herumklettern. Nur am äußersten Rand ist die Treppe auch tatsächlich als solche nutzbar, denn dort befinden sich kleine, lose eingefügte Zwischenstufen, die die Tritthöhe verringern.

Seit den Apolloschulen gehören Tribünentreppen – ebenso wie Wandnischen und Innenbalkone – zu Hertzbergers Architektursprache, in der Übergangszonen und Multifunktionalität eine große Rolle spielen. Sie dienen als Spielraum im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Sonst meist nur dienender Durchgangsbereich, werden Treppen zum Aufenthalts- und Begegnungsort in Gebäuden, die als kleine Stadt konzipiert sind.

Während der Raum und seine Nutzungsmöglichkeiten immer im Mittelpunkt von Hertzbergers Werk standen, legte er die Materialisierung seiner Bauten bekanntermaßen erst spät im Entwurfsprozess fest. Meist kombinierte er Betonblocksteine mit Stahlelementen, oft auch mit Glasbausteinen. Holz kommt zum Einsatz, wenn es um Haptik oder eine einladende, warme Ausstrahlung geht: bei Möbeln, Geländern und Brüstungen, aber auch bei der Auskleidung von Wandnischen – und dem Belag der Tribünentreppen. Im Gegensatz zu den funktionalen Treppen im Gebäude, die aus Stahl gemacht sind, wird die Tribünentreppe damit zum Hybrid zwischen Architekturelement und Mobiliar. Die Holzsorte interessierte Hertzberger dabei wenig. »Die Treppen sind mit Sperrholz verkleidet. Das mag nicht allzu dauerhaft sein, aber es geht hier nicht in erster Linie um die Holzqualität, sondern um das Gefühl, das Holz an sich erzeugt«, sagt er.

In den Niederlanden wurde seither kaum noch eine Schule ohne Tribünentreppe gebaut, aber auch in den meisten anderen Ländern ist sie zum gängigen Element der Schularchitektur geworden. Sie versinnbildlicht moderne Pädagogikkonzepte, schafft einen Ort des Austauschs und ist als multifunktionale Raumnutzung obendrein kostengünstig. Und während Betonblock- und Glasbausteine in Hertzbergers Architektur inzwischen passé sind, sind die holzbelegten Tribünentreppen geblieben – wie etwa der Entwurf für das Montessori Lyceum Amsterdam beweist, dessen Bau nächstes Jahr beginnt.

Literaturhinweis

im aktuellen Umbau 31 gibt es den Abdruck eines Vortrags von Herman Hertzberger, den er 2018 in Wien gehalten hat. Umbau 31 wird herausgegeben von der Österreichischen Gesellschaft für Architektur und ist zum Thema »Stadtbaustein Schule«.

Text

Anneke Bokern

ist freie Architekturjournalistin und wohnt seit 2000 in Amsterdam. Mit ihrer Firma architour organisiert sie Architekturführungen in den Niederlanden.