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Zyklisch gen Himmel steigen

Temporäre Holztreppe

Alberto Alessi
Erschienen in
Zuschnitt 79: Holztreppen
Dezember 2020, Seite 16

Jedes Jahr am Palmsonntag läutet eine großartige barocke Installation in der Pfarrkirche St. Peter und Paul in Travagliato in Brescia den Beginn der österlichen Liturgie ein und zelebriert die vierzig Stunden des Verbleibs Jesu Christi in der Grabstätte.

Die Kulissenarchitektur soll auf die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts zurückgehen, auf die Zeit der Gegenreformation. Drei Tage lang wird das Allerheiligste am oberen Ende der erleuchteten Treppe ausgestellt, die an die von Jakob geträumte und in der Genesis beschriebene Himmelstreppe erinnert: »Da hatte er einen Traum: Siehe, eine Treppe stand auf der Erde, ihre Spitze reichte bis zum Himmel. Und siehe: Auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder.« Die »macchina delle Quarantore« (so der Name dieser Art Votivbau) besteht aus einer Holzkonstruktion, die den Altar der Apsis umhüllt und überragt und den Unterbau für eine steile Treppe bildet. Rhythmisch flankiert wird der Aufgang von einer Folge kunstvoll bemalter Bögen, die fast bis zum Kranzgesims reichen. Das Ensemble schafft im Kirchenraum eine beeindruckende Kulisse. Die Treppe betreten dürfen – symbolisch für die Auserwählten des Paradieses – nur die Priester, die Ministranten und einige Kinder. Sie dürfen bis zur Monstranz mit dem Allerheiligsten hinaufsteigen. Diese ist theatralisch am obersten Punkt der Szenerie ausgestellt und wird durch einen wolkenförmigen, mit Engeln und Blumenkränzen bemalten Wandschirm magisch verdeckt, wenn die Anbetung unterbrochen wird.

Um die temporäre Konstruktion, die in der übrigen Zeit des Jahres in den Nebenräumen der Kirche aufbewahrt wird, sorgfältig aufzubauen, braucht es etwa ein Dutzend Freiwillige. Nur dann kann die Gemeinde alljährlich im Glanz einer ergreifenden himmlischen Erscheinung wiedergeboren werden.

Text

Alberto Alessi
Architekt, freier Kurator und Kritiker, lebt in Zürich