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Weinfässer statt Schafe

Weingut Hans Igler in Deutschkreuz

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 57: Altes Holz – neu gedacht
März 2015, Seite 18f.

Der Charme dieser geschlossenen Hofanlage ist überwältigend: Zwei Stallgebäude und ein Quergebäude umschließen einen rechteckigen Hof. Vom Quergebäude stehen nur mehr die Mauern, das linke Stallgebäude ist derzeit noch ohne Nutzung, lediglich der rechte Trakt ist saniert und beherbergt das Weingut Hans Igler. Erbaut wurde der Gutshof Ende des 18. Jahrhunderts für das benachbarte Schloss Deutschkreutz. Anfang des 20. Jahrhunderts – so vermutet Architekt Anton Mayerhofer – muss die Anlage abgebrannt sein, denn zu ebendieser Zeit wurden die Dächer der beiden parallel zueinander liegenden Stallgebäude erneuert. Man errichtete damals eine freitragende Fachwerkkonstruktion nach einem Konstruktionsprinzip, das Friedrich Zollinger kurz zuvor in Deutschland erfunden und nach sich benannt hatte. Das Zollingerdach basiert auf einzelnen Lamellen, die so miteinander verbunden sind, dass sie ein netzartiges räumliches Stabwerk bilden und eine freitragende Raumüberdachung erlauben. Als die Winzerin Waltraud Reisner-Igler den Gutshof 2004 kaufte, um ihre Fasslagerung und den Verkauf aus dem Zentrum von Deutschkreutz hierhin zu verlegen, konzentrierte sie sich bei der Sanierung auf den rechten Flügel, da dieser am sanierungsbedürftigsten war. Der linke Stalltrakt ist bis heute ungenutzt und in gutem Zustand und soll nun in einer zweiten Phase einer neuen Nutzung zugeführt werden. Hier sollen die Gärtanks und eventuell Gästeunterkünfte Platz finden.

Das, was sich in der zweiten Umbauphase zeigt, hatte auch bereits in der ersten Gültigkeit: Die Kubatur des Raumes ist für die neuen Funktionen wie geschaffen. Die Bauherrin wollte einen Raum haben, in dem sie möglichst viele Weinfässer lagern und dessen Raumklima sie regulieren kann. Erst zog die Winzerin einen Baumeister zurate, der anstelle des alten Heubodens eine neue Decke zwischen Erdgeschoss und Dachraum einziehen wollte. Architekt Anton Mayerhofer aber erkannte den Wert der spektakulären Dachkonstruktion.

Er verzichtete auf eine Zwischendecke und konzentrierte sich bei der Sanierung auf das Dach: Er ließ die Holzlamellen reinigen, schadhafte Teile austauschen, die alte Dachhaut entfernen und überdachte die Holzkonstruktion mit einer neuen, gedämmten Stahlkonstruktion. Die beeindruckende Dachkonstruktion aus Holz verleiht dem 70 Meter langen Innenraum eine einzigartige Atmosphäre. Dank einem Steg, der den Raum über die gesamte Länge durchzieht und den ehemaligen Heuboden ersetzt, kann man die Lamellenkonstruktion sogar von ganz nah inspizieren.

Das Zollingerdach wurde ab 1904 von Friedrich Zollinger, Stadtrat von Merseburg im heutigen Sachsen-Anhalt, entwickelt. 1923 erhielt er für diese Konstruktion das Patent. Gleichartige Lamellen werden zu einem netzartigen räumlichen Stabwerk verbunden. Das Zollingerdach kam vorwiegend als einfach gekrümmte, parabolische Fläche in Form einer flachen Tonne zum Einsatz. Es war ein sehr wirtschaftliches, einfach zu montierendes System und dazu gedacht, der Wohnungsnot jener Jahre zu begegnen.

Weingut Hans Igler in Deutschkreuz

Fertigstellung

Ende 18. Jhd./2009

Standort

Deutschkreutz/AT

Dachkonstruktion

Zollingerdach

Text

Anne Isopp

ist freie Architekturjournalistin. Sie studierte Architektur an der TU Graz und TU Delft und Qualitätsjournalismus an der Donau Universität Krems. Sie war von 2009 bis 2020 Chefredakteurin der Zeitschrift Zuschnitt.