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Kultureller Code

Ornamentale Steckverbindung, die so nur aus Holz realisiert werden konnte

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 72: Das Ornament
Dezember 2018, Seite 12f.

Der Friedhof in Altach ist der einzige muslimische Friedhof Vorarlbergs. Er liegt am Rande des Ortes unmittelbar an der Bundesstraße und besteht aus einem Kopfbau und fünf rechteckigen Grabfeldern, die von rot und schwarz eingefärbten Betonwänden eingefasst werden. Architekt Bernardo Bader ist hier eine Symbiose gelungen zwischen einer modernen Formensprache und den strengen baulichen und religiösen Anforderungen an einen islamischen Friedhof, ohne dass er dabei auf anbiedernde religiöse Zeichen zurückgegriffen hat. Der einzige von außen sichtbare Hinweis, dass es sich hier um eine islamische Begräbnisstätte handelt, ist das ornamentale Holzfenster gleich neben dem Eingang. Ein Netz aus Holzstreben formt achteckige Sterne.

Gemeinsam mit einem Kunsthistoriker begab sich der Architekt auf die Suche nach einem geeigneten islamischen Motiv. Die Wahl fiel auf den achteckigen Stern, ein Grundelement der islamischen Ornamentik. Doch wie baut man so einen Stern aus Holz? Im Büro von Bernardo Bader suchte man mithilfe vieler Modelle nach einer Konstruktion, die diesen Stern bildet und zugleich einfach zu bauen ist. Eichenholzstützen und streben, 19,5 mal 6cm groß und auf einer Seite zusätzlich profiliert, sind zu Quadraten zusammengefügt. Diese Quadrate sind ineinandergesteckt und dabei um 45 Grad zueinander verdreht, sodass ihre Ecken gemeinsam die Sterne bilden. Die ganze Konstruktion kommt ohne Verleimung oder Verschraubung aus. Das Fenster bildet einen Filter zwischen innen und außen, wirft Schatten in den Innenraum und auf die parallel dazu verlaufende Wand, wobei die Sterne wie Linsen wirken und den Blick anziehen.

Islamischer Friedhof in Altach

Fertigstellung

2012

Standort

Altach/AT

Text

Anne Isopp

ist freie Architekturjournalistin. Sie studierte Architektur an der TU Graz und TU Delft und Qualitätsjournalismus an der Donau Universität Krems. Sie war von 2009 bis 2020 Chefredakteurin der Zeitschrift Zuschnitt.