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»Holz ist digital«

Ein Gespräch mit Helmut Spiehs von Binderholz Bausysteme

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 78: Ausbildung Holzbau
September 2020, Seite 11

Die Baubranche ist im Wandel, neue Produktionstechnologien, eine zunehmende Digitalisierung von Produkten und Prozessen sowie der Trend zur Vorfertigung – weg von der Baustelle hin zur Fabrikationshalle – bringen weitgreifende Veränderungen mit sich. Wo steht hier die Holzindustrie, welche Entwicklungen sind zu erwarten und vor allem welche Berufe wird sie in Zukunft brauchen?
Wir sprachen mit Helmut Spiehs, Geschäftsführer von Binderholz Bausysteme GmbH und b-solution GmbH.

Industrialisierung und Digitalisierung sind in aller Munde. Welche Entwicklungen finden derzeit in der Holzindustrie statt?

Es sind zwei Entwicklungen zu nennen, eine produktionsseitig und die andere im Vertrieb. In der Produktion geht es vor allem um die digitale Vernetzung der Maschinen sowie die industrielle Fertigung von Produkten der Losgröße 1.1 Ich glaube, dass wir hier als Branche erst am Anfang stehen und die Möglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft sind. Heute kommt unseren Mitarbeitern oftmals eine reine Prüf- und Qualitätssicherungsfunktion zu, alles andere läuft vollautomatisch. Zudem haben sich die Arbeitsplätze bei uns stark in Richtung Digitalisierung und software-gestützte Ansteuerung von Maschinen verändert. Dementsprechend verändern sich auch die Anforderungsprofile an unsere Mitarbeiter vom reinen Maschinenbediener hin zum CNC-Abbundtechniker und anderen Berufen. Die zweite Entwicklung findet vor allem in der internationalen Vertriebstätigkeit statt. Hier müssen sich unsere Mitarbeiter in der globalen digitalen Bauwelt zurechtfinden und mit unterschiedlichsten Softwaresystemen umgehen können, um überhaupt erst ein Angebot erarbeiten zu können. Großprojekte werden seit Jahren in Ländern wie Großbritannien zur Gänze digital abgewickelt, also aufbauend auf einem sogenannten digitalen Zwilling2 des Gebäudes.

Welches sind die zukünftigen Schlüsselberufe?

Natürlich brauchen wir nach wie vor herkömmliche Berufe wie Holztechniker, technische Zeichner, Statiker oder vertriebsaffine Mitarbeiter, die Holz als Baustoff verstehen. In den Werken braucht es natürlich immer noch qualifizierte Mitarbeiter, die mit Holz als Baustoff umgehen können. Jedoch kommt hier jenen Mitarbeitern eine zunehmend wichtige Rolle zu, welche die hochautomatisierten und vernetzten Maschinen bedienen können. Das sind die neuen Berufe, für die es oft noch gar keine genauen Bezeichnungen gibt. Betrachten wir als Beispiel einmal unsere CNC-Abbundanlagen und deren fachgerechte Bedienung. Alleine im Bereich Brettsperrholz betreiben wir zwölf solche Abbundmaschinen, jeweils im Dreischichtbetrieb mit durchschnittlich zwei Mitarbeitern je Maschine. Das sind über 70 Mitarbeiter, die über ausreichend Fachwissen in diesem Bereich verfügen müssen. Hier muss in den Aus- und Weiterbildungseinrichtungen das erste Basiswissen vermittelt werden, sehr praxisbezogen natürlich.

Laut einer Studie von McKinsey wird sich die Bauindustrie in den kommenden 15 Jahren radikal verändern. Von kleinteiligen projektbasierten Prozessen hin zu einer Industrie, die Häuser wie Autos am Fließband produziert. Wo steht hier die Holzindustrie?

In unserem neuen Werk in Hallein arbeiten wir schon so. Projekte werden in sogenannten großen Auftragspools abgewickelt, darin werden unterschiedliche Aufträge gesammelt, um dann das Optimum für die Produktion und die einzelne Abwicklung herauszuholen. Das Ziel dabei ist höchste Produktivität und Effektivität bei Produktion nach dem Prinzip Losgröße 1. Unabhängig vom Material ist die Baubranche derzeit sehr mit sich selbst beschäftigt. Über Jahrzehnte gab es hier wenig Innovation und Fortschritt. Jetzt wird für jedes Material nach Möglichkeiten gesucht, um den Bau effizienter, qualitätssicherer, digitaler und produktiver zu machen. Das große Thema derzeit ist, so viel und so weit wie möglich vorzufertigen.

Wenn Sie einem jungen Menschen begegnen, der überlegt, eine Ausbildung in der Holzbranche zu machen, wie überzeugen sie ihn?

Ich kann ihm drei Argumente nennen: Erstens ist Holz sehr digital, zweitens ist der Arbeitsplatz modern und sicher und drittens hat Holz hat aufgrund der Natürlichkeit des Baustoffs ein enormes Zukunftspotenzial. Umweltschutz und Nachhaltigkeit beschäftigen derzeit alle Branchen und werden auch viele von ihnen deutlich verändern. Außerdem glaube ich, dass Holz ein junges, trendiges Material ist, ja mehr noch, Holz ist zu einem Mainstream geworden. Wir sehen das auch in unserem Unternehmen: Holz motiviert junge und junggebliebene Menschen, bei uns zu arbeiten, sich mit einem umweltschonenden Baustoff beruflich zu beschäftigen. Hinzukommt, dass unsere Branche im Gegensatz zu vielen anderen Branchen nicht schwerfällig ist. Es tut sich ständig etwas Neues – im positiven Sinne.­


1 Was bedeutet Losgröße 1?
Bei einer Serienanfertigung wird die zu einem Los zusammengefasste Stückzahl eines Produkts hintereinander und ohne Unterbrechung gefertigt. Losgröße 1 ist das Gegenteil von einer Serienfertigung. Durch die modernen Fertigungsverfahren können aber auch diese Sonderanfertigungen zunehmend rentabel und wirtschaftlich hergestellt werden. Das kommt der Nachfrage nach zunehmender Individualisierung entgegen.

2 Was ist ein digitaler Zwilling?
Ein digitaler Zwilling bildet ein reales Objekt wie ein Haus virtuell ab. Er ist aus Daten und Algorithmen aufgebaut. Diese dienen dazu, die Abläufe entlang der gesamten Wertschöpfungskette von der Planung, der Produktion, der Logistik bis hin zur Inbetriebnahme zu optimieren. Der digitale Zwilling ist eine Weiterentwicklung der Planungsmethode BIM, aber im Gegensatz dazu ein dynamisches Modell: Hier werden in Echtzeit die Daten aus verschiedenen Datenquellen automatisiert zusammengeführt. Für die Prozesse der Industrie 4.0 stellen digitale Zwillinge die Basis dar.

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at