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Aus der Praxis lernen – Gesundheitsbauten
Im Gespräch mit dem Architekten Dietger Wissounig

erschienen in
Zuschnitt 84 Gesundheitsbauten in Holz, März 2022

Seit vielen Jahren baust du – von Pflegeheimen über Einfamilienhäuser und Wohnbauten bis hin zu öffentlichen Gebäuden – in Holz. Wie waren deine ersten Erfahrungen damit im Bereich des Gesundheitswesens?

Dietger Wissounig Beim ersten Projekt, dem Altenwohn- und Pflegeheim in Steinfeld, lautete der Auftrag bereits dezidiert, ein Haus mit einem hohen ökologischen Anspruch zu bauen, was die Verwendung von Holz nahelegte. Umgesetzt wurde es damals noch in Holzriegelbauweise auf einem massiven, zum Teil verglasten Sockel. Das hatte einerseits technische Gründe, andererseits gab es damit eine Anknüpfung an traditionelle bäuerliche Häuser mit einem Steinsockel unter einem oder zwei Holzgeschossen und damit eine Vertrautheit für die Bewohner:innen des Heims. Überhaupt spielt gerade auf dieser Ebene Holz eine große Rolle bei Pflegewohn­häusern.

Gab es damals von irgendeiner Seite Wider­stand gegen die Holzbauweise?

Wissounig Nein, eigentlich nicht. Es war zwar der ­erste konstruktive Holzbau in Österreich mit dieser Nutzung, aber das entsprach, wie gesagt, durchaus den Wünschen der Auftraggeber. Der Brandschutz war natürlich ein wichtiges Thema, aber mit einem geschickten Brandschutzkonzept war das gut in den Griff zu bekommen – und das gilt auch für die anderen Pflegeheime, die wir gebaut haben. Und weil das Haus innerhalb des Rahmens des kärntnerischen Baugesetzes blieb, waren auch keine Sonderregelungen nötig. Ein anderes Thema war der Schallschutz. Brettsperrholz gab es damals noch nicht wirklich, es wurde daher mit Brettstapeldecken und Lärchenholzsichtdecken gearbeitet. Das machte den Schallschutz etwas aufwändiger, als das heute bei der Entkoppelung von Massivholzelementen der Fall ist.

Wo gibt es den meisten Diskussionsbedarf in Hinblick auf Holz im Innenausbau?

Wissounig Das ist recht unterschiedlich. Es kommt immer darauf an, ob ein Bauherr oder eine Bauherrin dahintersteht. Die Auflagen bei Gesundheitsbauten beziehungsweise das Krankenanstaltengesetz ist sehr umfassend, gerade was die Hygienebestimmungen betrifft. Beim Brandschutz kann man mit einem Gutachten arbeiten, aber ob ein Holzboden versiegelt wird, damit die Fugen geschlossen sind, oder nicht, das ist Überzeugungsarbeit und Verhandlungs­sache. Die meisten verstehen, dass eine Holzoberfläche viel sinnlicher ist als eine Gipskartonwand, dass sich der Aufwand in Hinblick auf das Wohlbefinden der Bewohner:innen lohnt. Aber wie es im ­Detail gelöst wird, muss eben besprochen werden. Beim Pflegeheim Erika Horn zum Beispiel hatten wir zwei Jahre lang alle vier bis fünf Wochen Besprechungen und Workshops mit Betreiber, Heimleitung und Pflegedienstleitung.

Das heißt, es waren alle drei Ebenen intensiv involviert?

Wissounig Ja, genau, und das war auch wichtig. Der Betreiber muss hinter dem Projekt stehen, die Heimleitung und die Pflegedienstleitung müssen praktikable und sinnvolle Verhältnisse vorfinden und niemand soll das Gefühl haben, dass über seinen Kopf hinweg entschieden und seine Expertise nicht berücksichtigt wird. Es muss zum Beispiel besprochen werden, dass die Böden nicht mit den üblichen scharfen Reinigern geputzt werden dürfen, dass nicht zu nass gewischt werden darf, dass man erklärt und demonstriert, dass Holzoberflächen keine Gefahr für die Menschen im Heim darstellen. Das muss vom Facilitymanagement verstanden und akzeptiert werden. Was man leichter vermitteln kann, sind die atmosphärischen und haptischen Vorteile, dass Holz widerstandsfähiger ist ­gegenüber mechanischen Beschädigungen oder dass die Rutschfestigkeit besser ist. Aber auch das muss natürlich diskutiert werden.

Wie kooperativ sind die befassten Behörden beim Thema Holz im Gesundheitswesen?

Wissounig Das hat sich eigentlich gut entwickelt. Am Anfang war noch recht viel Überzeugungsarbeit nötig, aber je öfter wir etwas in Holz gebaut haben, umso mehr Referenzen hatten wir, die gezeigt haben, dass es funktioniert.

Was ist eigentlich der Hauptgrund für dich, Pflegeheime in Holz zu bauen?

Wissounig Ich empfinde Holz als niederschwellig und gerade bei Menschen, deren Sinne nachlassen, ist es wichtig, sie so gut wie möglich positiv zu stimulieren. Und: Holz ist schön, das ist der beste Grund!
 

Dietger Wissounig
Architekt in Graz, gründete 2003 sein eigenes Büro Dietger Wissounig Architekten.
www.wissounig.com


verfasst von

Eva Guttmann

2004 – 09 Chefredakteurin der Zeitschrift Zuschnitt, 2010 – 13 Geschäftsführerin des HDA, Haus der Architektur in Graz. Freischaffende Autorin, Herausgeberin, Redakteurin und Verlagsrepräsentantin für Park Books Zürich; lebt und arbeitet in Graz und Wien.

Erschienen in

Zuschnitt 84
Gesundheitsbauten in Holz

Was kann ein Gebäude aus Holz zu Genesung, Gesundheit und Wohlbefinden beitragen? Antworten darauf finden Sie in diesem Zuschnitt.

8,00 €

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Zuschnitt 84 - Gesundheitsbauten in Holz