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Rast, Ruhe und Einkehr entlang des Weges
Der Sieben-Kapellen-Radweg im Schwäbischen Donautal

erschienen in
Zuschnitt 85 Pause, Auszeit, Holz, März 2022

Im Schwäbischen Donautal führt ein 153 km langer Radrundweg vorbei an Feldern, Auwäldern und Mooren zu sieben Kapellen aus Holz. Diese wurden von sieben Architekten erbaut und sind ganz verschieden in Stil und Wirkung. Sie dienen als Rastplatz, Ruhe- und Einkehrort und sprechen Radler:innen, Wandernde, architekturaffine und religiöse Menschen zugleich an. Die Initiative geht zurück auf das Stifterehepaar Elfriede und Siegfried Denzel, die ein eigenes Holzunternehmen geführt, dieses aber längst an die Söhne übergeben haben. Ihre Vorgaben zur Gestaltung waren minimal: Jede Kapelle musste aus Holz sein und ein Kreuz haben. Den Bauplatz konnten sich die Architekten unter mehreren möglichen aussuchen.

Sieben-Kapellen-Radweg

Streckenlänge 153 km
980 m ansteigend
963 m abfallend
Höchster Punkt 555 m
Niedrigster Punkt 402 m

Leichte bis anspruchsvolle Tour, gut ausgeschildert, abwechslungsreiche Landschaften, teilweise hügelig, ein Großteil der Route verläuft auf verkehrsarmen Streckenabschnitten.

Ein guter Startpunkt für die mehrtägige Fahrradtour entlang des Sieben-Kapellen-Radwegs ist die historische Kleinstadt ­Gundelfingen, die gut mit der Donautalbahn erreichbar ist. Vom Bahnhof aus fahren wir mit dem Rad gen Süden und sind nach etwa 15 Minuten bei der ersten Kapelle.
 

Radwegkapelle bei Gundelfingen

Die Kapelle erinnert eigentlich mehr an einen Tempel. Architekt Hans Engel hat hier zwölf runde, gedrechselte Säulen aus Lärchenbrettschichtholz auf einem kreuzförmigen Grundriss in einem Raster von 1,4 Metern angeordnet. Sie tragen ein hölzernes Flachdach in etwa 5 Meter Höhe. An drei Seiten begrenzen raumhohe, mit einer lichten Blattstruktur bedruckte Glaswände den Raum. Irgendwann ­einmal, so der Wunsch des Architekten, soll dieser Ort zu einer Lichtung im dicht wachsenden Gestrüpp werden.

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Blaue Kapelle Emersacker im Laugnatal

Der Weg zur nächsten Kapelle führt uns auf die andere Seite der Donau. Hier finden wir nach etwas mehr als 20 km eine Kapelle, die sich im Wettstreit mit den hier stehenden hochgewachsenen Fichten gen Himmel zu recken scheint. Der 12 Meter hohe Bau des Architekten Wilhelm Huber faltet sich über ein auskragendes Vordach hin zu einem spitz zulaufenden Turm. Licht fällt über ein blau gefärbtes, vom Künstler Herbert Kopp gestaltetes Oberlicht in den Raum. Gebaut wurde die Kapelle aus Brettsperrholzplatten, die innen weiß gestrichen sind, um das blaue Licht bestmöglich zu reflektieren. Insgesamt drei Jahre hat die Bauzeit für alle sieben Kapellen betragen.

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Kapelle bei Oberthürheim

Die letzte Kapelle, die fertig geworden ist, ist die von Architekt Christoph Mäckler. Sie liegt als nächste auf unserem Weg. Das Haus mit dem gotisch anmutenden Spitzdach ist schon von weitem sichtbar. Erst aus der Nähe erkennt man die 172 quadratischen, mit farbigen Gläsern belegten Öffnungen an den Längsseiten. Erst dann stellt man fest, dass es ein Blockbau ist – aus Lärchenholz-Balken mit gleichbleibendem Holzquerschnitt, verbunden mit Stabdübeln. An den Ecken fügte er sie mit tradi­tionellen Holzverbindungen zusammen. Alle Eckverbindungen wurden überfälzt, sodass ­Wasser nur in geringer Menge eintreten und wieder austrocknen kann. Die langen Bänke im Inneren sind wie im Chorgestühl mit Zwischenwänden unterteilt.

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Wegkapelle bei den Schwaigen

50 Kilometer haben wir schon zurückgelegt. Spätestens hier wird es Zeit für eine Unterbrechung. Am nächsten Morgen führt uns der Weg dann weiter vorbei an Streuobstwiesen, hin zu einem Altwasserarm der Donau. Hier hat Architekt Alen Jasarevic eine Kapelle geplant. Er dachte dabei an zwei zum Gebet gefaltete Hände. Auf einem trapezoiden Grundriss erhebt sich ein 12 Meter ansteigendes Zeltdach, das aus 14 cm starken Brettsperrholzplatten gebaut und mit Schindeln verkleidet ist – alles aus Weißtanne. Im Inneren sind die Wände mit einer Kerbstruktur überzogen. Über mehrere Monate hinweg bearbeitete der Bildhauer Josef Zankl diese Oberflächen mit einem 16 mm großen Hohleisen und schlug unzählige Kerben ins Holz.

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Kapelle Kesselostheim

Auf einer Anhöhe auf der anderen Donauseite steht die Kapelle von Volker Staab. Sie schaut von der Ferne eher aus wie ein Lüftungs­turm. Für den 14 Meter hohen Bau ließ der Architekt zwei Holzbügel aus Furnierschichtholz aufstellen und an der Spitze zu einem Kreuz verbinden. Sie tragen die leicht schräg gestellten Holzlamellen. Die Konstruktion wurde unsichtbar mit einer Verspannung ausgesteift und mit einer neu entwickelten biologischen Imprägnierung versiegelt. Es entstand kein windgeschützter Raum wie bei den anderen Kapellen, aber ein sehr kraftvoller.

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Die sieben Kapellen wurden in den unterschiedlichsten Bauweisen konstruiert, von der Skelettbauweise über Massivholzbauweisen hin zu Blockbau- und Holzrahmenbauweisen. Selbst bei sehr ­archaischen Techniken wie dem Blockbau kamen doch moderne Planungs- und Fertigungsmethoden zur Anwendung. Die Kapellen wurden vollständig im Datenmodell geplant, um die Fügung der Holzelemente passgenau herstellen zu können.
 

Wooden Chapel Unterliezheim

Das gilt auch für die Kapelle von John Pawson. Sie schaut auf den ersten Blick aus wie ein am Wegrand liegender Holzstoß. Vierzig Douglasien mit einem Durchmesser von 90 cm, die lediglich dreiseitig beschnitten wurden, sind zu einem länglichen kubischen Raum geschichtet. Die Stirnseiten der Kapelle bestehen aus übereinandergestapelten Klötzen, die durch nicht sichtbare Querhölzer und Verschraubungen miteinander verbunden sind. Betritt man den 6 Meter hohen und 8 Meter langen Raum, findet man dort eine Sitzbank und ein seitlich zum Eingang versetztes Fenster mit einem tollen Ausblick in die Landschaft vor.

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Wegkapelle zwischen Oberbechingen und Wittislingen

Ein guter Zeitpunkt für eine Übernachtung ist vor oder nach der Kapelle von Pawson. 50 weitere Kilometer haben wir hinter uns. Am nächsten Tag geht die Radtour dann über Felder und Wiesen weiter zur letzten der sieben Kapellen, jener von Architekt Frank Lattke. Sie steht mitten im freien Feld und fällt durch ihr steiles Dach auf. Der First verläuft über die Diagonale des Baukörpers. Die Dachflächen fallen in den Ecken tief nach unten. Der Bau ­basiert auf einem Holzständerwerk, im Inneren ist das filigrane Stabwerk der Dachkonstruktion mit der klassischen Holzverbindung des Schwalbenschwanzes gefügt und zum Gestaltungselement geworden.

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Noch etwa 40 Minuten, dann sind wir wieder zurück in Gundelfingen, am Startpunkt unserer Tour – mit im Gepäck viele neue Landschafts- und Raumeindrücke und in der Nase den frischen Duft von Holz.

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verfasst von

Anne Isopp

ist freie Architekturjournalistin. Sie studierte Architektur an der TU Graz und TU Delft und Qualitätsjournalismus an der Donau Universität Krems. Sie war von 2009 bis 2020 Chefredakteurin der Zeitschrift Zuschnitt.

Erschienen in

Zuschnitt 85
Pause, Auszeit, Holz

Ob Freizeit, Ferien oder Wochenende – eine Pause vom Alltag muss nicht immer ein großes Spektakel sein. Wir zeigen Orte der Naherholung und Räume für eine Auszeit, geprägt von Holz.

8,00 €

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Zuschnitt 85 - Pause, Auszeit, Holz