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Essay – Knoten und Verbindungen
Knoten

erschienen in
Zuschnitt 81 Knoten und Verbindungen, Juni 2021

Knoten ist ein schillernder Begriff. Das Wort weist auf eine spezifische Form, auf eine Verdickung hin, die sowohl organisch, durch eine Anhäufung von Zellen, als auch technisch, etwa durch die Verwicklung von Fäden, entstehen kann. Kinder müssen diese Technik früh lernen, wenn sie ihre Schuhe binden, und das Wissen vom Knoten bleibt in ihren Händen – die Führung durch die Augen wird bald nicht mehr gebraucht. Je leichter, instinktiver die Geste ausfällt, desto fester hält der Knoten. Die spezifische räumliche Gestik des Knotens ist nicht an ein bestimmtes Material gebunden: Feine Seidenfäden, dicke Seile oder Tücher können ebenso geknotet werden wie Stahlbänder oder Plastikschläuche, egal ob Hände oder Maschinen am Werk sind. Italo Calvino spricht vom Knoten als „Ergebnis sehr präziser Handgriffe in einer großen Zahl von Berufen, vom Seemann bis zum Chirurgen, vom Flickschuster bis zum Akrobaten, vom Alpinisten bis zur Schneiderin, vom Fischer bis zum Packer, vom Metzger bis zum Korbflechter, vom Teppichweber bis zum Klavierstimmer, [...] vom Henker bis zum Perlenkettenmacher. Die Kunst des Knotenknüpfens, Gipfel sowohl der geistigen Abstraktion wie der Fingerfertigkeit, könnte geradezu als das Hauptmerkmal des Menschen betrachtet werden, vielleicht noch mehr als die Sprache.“

Der Form des Knotens schrieb man in der Antike eine magische Wirkung zu. In der minoischen Kultur war der Knoten Abbild der Macht zu binden und zu trennen. Im griechischen Mythos waren es die drei Schicksalsgöttinnen, die Moiren Klotho, Lachesis und Atropos, die den Lebensfaden des Menschen führen, knüpfen und schneiden. Diese Symbolik ist der Grund dafür, dass die Form des Knotens früh in Stein übertragen wurde. Geknotete Säulenpaare kommen in der byzantinischen und romanischen Architektur oft vor; in der portugiesischen Spätgotik wurde der Knoten zum beliebten Motiv des Manuelinischen Stils. Aber in der Architektur bedeutet Knoten vor allem Verdickung. So bezeichnet man ein Detail der Baukonstruktion, in dem alles oder zumindest vieles zusammentrifft: vertikale und horizontale Tragkonstruktion, Bekleidung, Dämmung und Dichtung. Der Knoten ist der Schlüssel, um die Konstruktionsidee zu begreifen, das kleine Detail soll den Blick aufs Wesentliche eröffnen. Das Interesse im Entwurfsprozess ist auf die Lösung des Knotens fokussiert, und wir erkennen das Besondere des Details (an), die Handschrift seiner Autoren – des Entwerfers und des Handwerkers, wie in Calvinos Essay, in dem der Knoten auf die ihn knüpfende Person hinweist, nicht nur als Individuum, sondern als Vertreterin eines Berufs. Knoten zeigen die Subjektivität des Objekts, sie können grob und präpotent wirken oder elegant und dekorativ, wie in der Architektur Carlo Scarpas, wo die Bindung zwischen Alt und Neu verspielt, mit vergoldeten oder mit Mosaiksteinen belegten, durch Schattenfugen artikulierten Knoten inszeniert wird.

Die englische Bezeichnung für den Knoten als Konstruktionsdetail ist allerdings nicht knot sondern joint. Man betont damit eine andere Geste als die des Bindens: das Fügen, dessen Voraussetzung das Schneiden – oder Vor-Schneiden, also die Prä-Zision – ist. Das tektonische Werk im Tischlerberuf wird als joinery bezeichnet. Knoten als joints können im Konstruktionsganzen gelenkartig oder starr funktionieren. Antoni Gaudís Versuch, die Tragkonstruktion der Kirche der Colònia Güell mit Hilfe eines Hängemodells aus mit Schrotsäckchen belasteten Seilen zu bestimmen, bedeutete, die Knoten des Fadenpolygons als Stellen der Gelenke in der festen Konstruktion zu betrachten. Was im Hängemodell als knot funktioniert, wird im fest gefügten Gebäude zum joint. Solche Transformationen hat Gottfried Semper mit seiner Stoffwechseltheorie begründet.

Es war Semper, der in seinem Hauptwerk „Der Stil“ den Knoten nicht nur zur Urform der menschlichen Technik, sondern zum ältesten technischen Symbol und zum „Ausdruck für die frühesten kosmogonischen Ideen“ erklärte. Der Knoten ist ein „Verbindungsmittel zweier Fadenenden und seine Festigkeit begründet sich hauptsächlich auf den Widerstand der Reibung“. Durch seine rhythmische Wiederholung entsteht ein Gewebe: der textile Stoff zur Bekleidung des menschlichen und des Baukörpers. Die Begriffe Not, Naht und Knoten seien etymologisch verwandt, behauptet Semper. So würde das Sprichwort „aus der Not eine Tugend machen“ auf die Performanz des Knotens hinweisen, aus einzelnen Fäden ein zusammenhängendes, raumbildendes Gewebe herzustellen. Textilknüpfen und tektonisches Fügen sind zwei verschiedene Herstellungstechniken, die eine hat ursprünglich mit biegsamen und zähen Fasern, die andere mit starren Stäben zu tun. Diese Affinitäten bestimmen aber keinesfalls die Form: Holz kann nicht nur gefügt, sondern auch geflochten oder geschichtet werden. Die hyperbolischen Holztürme des russischen Ingenieurs Wladimir G. Schuchow sind wohl die spektakulärsten Beispiele solcher „geflochtener“ Gitterkonstruktionen, deren Knoten mit Hilfe von Metallschablonen relativ einfach ausführbar waren.

Die Idee des Standardknotens scheint dem Gesagten zur Subjektivität des Objekts zu widersprechen. Konrad Wachsmanns Suche nach dem Universalknoten führt allerdings eine Paradoxie spektakulär vor Augen. Der hölzerne Knoten, ursprünglich für die Massenfertigung eines modularen Trennwandsystems entwickelt, wurde als Wachsmann-Würfel bekannt. Nie in Produktion gegangen, demonstriert Wachsmanns Universalknoten, dass die Suche nach „universaler“ technischer Rationalität zu einer Form führt, die vor allem die unverkennbare Handschrift seines Gestalters zeigt. Gottfried Sempers Knoten-Zeichnungen haben bereits angedeutet: Der Knoten als Urform der menschlichen Technik verbindet die Regelhaftigkeit der Geste mit dem ornamentalen Bild des Labyrinths, des Rätsels, das es zu lösen gilt.


verfasst von

Ákos Moravánszky

Ákos Moravánszky ist Professor emeritus für Architekturtheorie am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (GTA) der ETH Zürich.

Erschienen in

Zuschnitt 81
Knoten und Verbindungen

Bauen mit Holz heißt Verbindungen schaffen. In diesem Zuschnitt zeigen wir, auf welch vielfältige und teils unerwartete Weise sich Holz fügen lässt und warum Knoten mehr sind als der bloße Zusammenschluss einzelner Teile.

8,00 €

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Zuschnitt 81 - Knoten und Verbindungen

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