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Ein Ort der Begegnung

Über die soziale Bedeutung der Treppe

Gabriele Kaiser
Erschienen in
Zuschnitt 79: Holztreppen
Dezember 2020, Seite 17

Die Treppe ist ein Instrument der Füße: Sie entspricht dem menschlichen Schrittmaß, unterstützt in ihrer Standhaftigkeit das Auf- und Abwärtssteigen und begleitet das Gehen durch ein handfestes Geländer. Die Bewegung des Hinauf- oder Hinuntersteigens lässt sich atmosphärisch anreichern – sei es durch die Sonderstellung der Treppe im Raum, sei es durch ein funktionales Surplus oder schlicht durch ihre solide Handwerklichkeit.

Dass eine Treppe viel mehr ist als eine pragmatische Verbindung zwischen zwei Stockwerken, hat auch Architekt Christopher Alexander in »A Pattern Language« betont. Im Vorspann zu Pattern Nummer 133 »Die Stiege als Bühne« wird die soziale Bedeutung der Treppe hervorgehoben: »Sie ist selbst ein Raum, ein Volumen, ein Teil des Gebäudes; und wenn dieser Raum nicht mit Leben gefüllt wird, bleibt er ein toter Punkt, der dazu beiträgt, das Gebäude und die darin stattfindenden Vorgänge auseinanderzureißen.«[1] In der lösungsorientierten Sprache dieser Entwurfstheorie werden einfache Alltagserfahrungen zu konzeptionellen Argumenten verknüpft. So könne etwa eine Innentreppe leichter belebt werden, wenn die unteren Stufen zu breiteren Sitzstufen auslaufen oder ein Zwischenpodest mit zusätzlichen Anziehungspunkten (zum Beispiel mit einem Blick durch ein Fenster) zum Innehalten verleitet.

Im Idealfall dient eine Treppe im Außen- und Innenraum als Bühne sozialer Interaktion und wird unterschiedlichen Bedürfnissen (Hinauf- und Hinuntergehen, stehendes Innehalten, sitzendes Verweilen) gerecht. Die bekannten Freitreppen, die nicht zufällig cineastische Berühmtheit erlangten, strahlen wegen des Überblicks, den sie gewähren, magische Anziehungskraft aus. Ein geschlossenes Stiegenhaus kann da nicht mithalten. Ist die visuelle Teilhabe am Geschehen verwehrt, bleibt nur der Blick ins Treppenauge, um sich der durchschreitbaren Höhe zu vergewissern – ebenfalls ein beliebtes Kino-Motiv.

Die Treppe als Ort der Begegnung ist Wunsch und soziale Realität, doch beweist der Typus der Hintertreppe, dass es auch zu den menschlichen Grundbedürfnissen gehört, beim Betreten oder Verlassen eines Hauses niemandem zu begegnen und nicht gesehen zu werden. Einst diente die Trennung zwischen Haupt- und Nebentreppe genau diesem Zweck: eine Begegnung zwischen »Herrschaft« und Bediensteten zu vermeiden. Das Beschreiten der prunkvollen Hauptstiege war privilegierten Schichten vorbehalten, die Treppe ein Ort sozialer Distinktion.

Unzählige Treppen tun ihren Dienst, repräsentativ und theatralisch, verlässlich und profan. Warum aber sehen die Routinetreppen, die wir täglich benutzen (sofern wir nicht den Lift nehmen) so unverbindlich aus? Liegt es daran, dass jeder »Einrichtungsgegenstand« auf dem Treppenabsatz einer Wohnhausanlage dem Argument der Brandlast zu weichen hat? Dabei muss das Treppenhaus eines Mietshauses keineswegs der anonyme, fast feindselige Ort sein, den der französische Schriftsteller Georges Perec in »Das Leben. Gebrauchsanweisung« skizziert. Er zog zwischen der warmen Identität einer Wohnung und der Ausgesetztheit des Treppenhauses eine scharfe Trennlinie, obwohl sich gerade im Stiegenhaus die Nachbarschaften spontan und zufällig kreuzen. Die rosige Seite könnte so aussehen: Man hört fremde Schritte auf der Treppe, riecht, was nebenan gekocht wird, sieht im Stockwerk darunter eine Hand am Geländer. Eine Hausgemeinschaft, zusammengehalten in der gemeinsamen Adresse, findet in sozialen Interaktionen wie Postzustellung, Müllentsorgung, Hausreinigung und informellen nachbarschaftlichen Gefälligkeiten den kleinen gemeinsamen Nenner. Man grüßt einander im Vorbeigehen, am Treppenabsatz werden unverbindliche Gespräche geführt, die nie unhöflich sind, auch wenn sie nur aus ein paar Sätzen bestehen. Die freundliche Beiläufigkeit dieser Begegnungen im Treppenhaus, die man in Zeiten der Pandemie neu schätzen lernte, verdient einen Raum, der die »darin stattfindenden Vorgänge« nicht auseinanderreißt, sondern stimuliert.

 


[1] Christopher Alexander, Sara Ishikawa, Murray Silverstein et al.: Eine Muster-Sprache/A Pattern Language. Städte, Gebäude, Konstruktion, hg. und aus dem Englischen übersetzt von Hermann Czech, Wien 1995, S. 689.

Text

Gabriele Kaiser
freie Architekturpublizistin und Kuratorin; 2010–2016 Leiterin des architekturforum oberösterreich (afo); seit 2009 Lehrauftrag an der Kunstuniversität Linz; lebt und arbeitet in Wien.