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Über die Erforschung von Treppen

Stephan Trüby
Erschienen in
Zuschnitt 79: Holztreppen
Dezember 2020, Seite 8f.

»Alles Schwachköpfe«, sagte einmal Gustave Flaubert über die Architekten – »vergessen immer die Treppen.« Doch so viele Treppen konnten es nicht sein, die von den Architekten vergessen wurden – hätte sonst Friedrich Mielke, der 1921 geborene Treppenforscher, eine Arbeitsstelle für Treppenforschung im bayerischen Konstein einrichten können, in der sich im Laufe der Jahre eine Fachbibliothek von etwa 500 Titeln, ein Archiv mit mehr als 10.000 Dossiers über Treppen in aller Herren Länder, eine Diathek mit ca. 35.000 Treppen-Aufnahmen, eine große Treppen-Modellsammlung sowie zahllose Zeichnungen und Fotos von Treppen und Treppendetails ansammelten?
Das Mielke-Archiv, das 2012 im neu gegründeten Friedrich-Mielke-Institut für Scalalogie der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg aufgegangen ist, lädt dazu ein, die Flaubert’sche Tirade leicht umzuformulieren: »Alles Schwachköpfe, diese Architekturhistoriker, vergessen immer die Treppen.«

Friedrich Mielke zwingt einen dazu, die Vorstellung einer objektiven Forschungstätigkeit zu überdenken. Der Treppenforscher, der sich seinem Forschungsgegenstand nicht nur über die Bücher, sondern – vor allem – über das beschwerliche Aufmaß vor Ort näherte, war einbeinig. 1942, im Zweiten Weltkrieg, wurde ihm sein rechtes Bein amputiert; 1960 band ihn ein schwerer Autounfall für immer an den Rollstuhl. Sein erstes voluminöses Buch über Treppen, die 1966 erschienene »Geschichte der deutschen Treppe«, begann er noch im Krankenhaus zu schreiben. Insgesamt verfasste er 31 Bücher, von denen die meisten – 27 insgesamt – der Treppe gewidmet sind. Die Recherchen hierzu waren kein leichter Gang: Unter teils großen Schmerzen maß er enge mittelalterliche Wendeltreppen in Kirchtürmen auf – oder auch waghalsige Stufen in Ghorfas, Tunesien. Hat Egon Friedell, der in seiner »Kulturgeschichte der Neuzeit« (1927) die gewagte These aufgestellt hat, wonach hinter jeder außergewöhnlichen Lebensleistung immer ein physiologischer Defekt, hinter Exzellenz stets eine Überkompensation von Unvollkommenheit stehe, am Ende doch recht gehabt?

Die Forscherkarriere Mielkes lässt sich anhand seiner Bibliografie gut nachvollziehen: Sie beginnt mit seiner 1957 abgeschlossenen Dissertation »Die Treppe des Potsdamer Bürgerhauses im 18. Jahrhundert«, in der viele der später perfektionierten Analysemethoden bereits angelegt sind: das Denken in Typologien, in Elementen des Elements »Treppe«, in den Big Data einer Gesamtmenge von Treppen einer Stadt, in Adresslisten und millimetergenauen Treppen-, Geländer- und Podest-Aufmaßen. Letztere Aufmerksamkeit wurde vor allem in der 1986 veröffentlichten Analyse der Treppen Eichstätts perfektioniert. Was hier besonders deutlich wird, ist Mielkes auf die Menschen fokussierte Treppenforschung: Die Treppe ist für ihn ein palimpsestartiges Beobachtungsobjekt, in dem komplexe Spuren des Gebrauchs eingetragen sind: Spuren der beiden Geschlechter, Spuren verschiedener sozialer Stände, Spuren von Handwerkerregeln und deren Transmissionen. Mielke hat vor diesem Hintergrund seiner ebenso disziplinierten wie passionierten Recherche den Namen Scalalogie gegeben – und sie von der schlichten Treppenkunde klar abgegrenzt: »Die Scalalogie ist die Wissenschaft von den Wechselwirkungen zwischen Mensch und Treppe, von Fuß und Stufe. Da niemand eine Treppe steigen kann, ohne die Stufen zu berühren, ergibt sich eine Interdependenz von lebendigem Anspruch und materieller Widerspiegelung.«

Gibt es für Treppeninteressierte Phänomene, die Mielke nicht angesprochen hat? Mielke selbst sieht das Ergebnis seiner lebenslangen Forschungstätigkeit eher bescheiden: »Was wissen wir von den chinesischen Treppen, von den südvietnamesischen, von Angkor? Nichts, wenig, fast gar nichts.« Und fügt unbescheiden hinzu: »Man müsste eine ganze Universität beauftragen, die Treppen der Welt zu studieren.« Was Mielke ebenfalls nicht oder kaum näher analysiert hat, sei stichwortartig vorgestellt: den Einfluss von Baurichtlinien und staatlichen Kodifizierungsprozessen; die Konkurrenz von Treppe und Rolltreppe; die nachhandwerkliche, vorgefertigte, industrielle Treppe; die gegenwärtige, oftmals synchrone Präsenz von sachlicher Fluchttreppe und unsachlichem Treppen-Gimmick im Foyer; und schließlich: das Exil des Treppenraumes in den Flagship-Stores der Großstädte. Kurzum: Die Zeiten für Treppen waren im Barockzeitalter und auch im 19. Jahrhundert, vor Erfindung des Aufzugs, sicherlich besser als heute, doch mögen die folgenden Seiten auf ein Forschungsdesiderat hinweisen: Die Treppe hat eine Art Doppelexistenz entwickelt – sie, die laut Mielke einmal die »Königin der Architektur« war, mutierte – jedenfalls im Großen und Ganzen – gleichzeitig zum Service Provider und ground floor clown.

Steigungsverhältnis

Das Verhältnis von Stufenhöhe zu Stufenbreite hat einen direkten Einfluss auf die Bequemlichkeit einer Treppe. Die Anforderungen an das Steigungsverhältnis sind in der OIB-Richtline 4 – Nutzungssicherheit und Barrierefreiheit und in der ÖNORM B 5371 – Treppen, Geländer und Brüstungen in Gebäuden und von Außenanlagen – Grundlagen für die Planung und Ausführung festgehalten.

Text

Stephan Trüby

ist Architekturtheoretiker und Professor an der Universität Stuttgart. Er leitet dort das Institut für Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen (IGmA). Für die von Rem Koolhaas kuratierte Architekturbiennale in Venedig im Jahr 2014 mit dem Titel »Elements« widmete er sich unter anderem dem Thema Treppen und verfasste dafür auch den vorliegenden Essay.