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Nachgefragt – Gesundheitsbauten
Erfahrungen und Argumente von Bauherren und Betreibern

erschienen in
Zuschnitt 84 Gesundheitsbauten in Holz, März 2022

Während der Einsatz von Holz im Wohnbau, bei Büro- und Gewerbebauten und mittlerweile auch beim ­Errichten von Hochhäusern schon fast zum Standard zählt, ist im Bereich der Gesundheitsbauten erst ein zögerlicher Zuwachs an Bauwerken in Holz zu verzeichnen. Wir haben bei zwei Bauherren und einem ­Betreiber dreier Vorzeigeprojekte nachgefragt, was sie veranlasst hat, auf den natürlichen Baustoff Holz zu setzen, welche Argumente sie überzeugt haben und welche Erfahrungen sie weitergeben können.

Das Ambulatorium Mistelbach, die Ausweichstationen des LKH Graz II und die Gesundheitseinrichtung Josefhof sind aus Sicht der Nutzung, der Situierung und auch der Größenordnung drei sehr unterschiedliche Projekte. Sie haben jedoch ­eines gemeinsam: Ihre Einzigartigkeit durch den Einsatz von Holz. War die Verwendung von Holz ein expliziter Bestandteil der Beauftragung beziehungsweise was hat Sie überzeugt? Spielten genesungsfördernde Aspekte von Architektur und Material – Stichwort Healing Archi­tecture – bei der Entscheidung, in Holz zu bauen, eine Rolle?

Andreas Steuer Die Entscheidung zur Holzbauweise wurde – auch in Abstimmung mit Alexander Runser und Christa Prantl – sehr bewusst getroffen. Wir wollten mit diesem Projekt neue und nachhaltige Wege gehen und zeigen, dass auch Krankenanstalten durchaus in nachhaltiger Holzbauweise errichtet werden können. Argumente der Healing Architecture spielten für uns damals, um ehrlich zu sein, keine Rolle.

Rupert Richter-Trummer Durch die hohe Baugeschwindigkeit aufgrund der Vor­fertigungsmöglichkeiten und durch die Genauigkeit in der Ausführung waren wir bereits vorab vom Holzbau überzeugt. Besonders im Innenausbau ebenfalls auf Holz zu setzen, aus „Wohlfühlgründen“, war für uns erstmalig im Krankenhausbau der Fall, aber eine ganz bewusste Entscheidung.

Wolfgang Goll Der Josefhof liegt im Grüngürtel von Graz, somit gab es bestimmte Vorgaben der Stadt. Der Entwurf von Dietger Wissounig, auch seine Erfahrungen in diesem Bereich, haben uns überzeugt. Vor allem die hohe Qualität der Holz-­Modulbauweise hat uns beeindruckt. Zum damaligen Zeitpunkt haben genesungsfördernde Aspekte keine Rolle gespielt – wir haben damit aber jetzt erste Erfahrungen gesammelt.

Mit dem als Holz-Modulbau ausgeführten Pavillon, der als Ausweichstation während eines Umbaus im Bestand diente, setzte die KAGes bereits 2017 das erste Krankenhausgebäude aus Holz in Österreich um. Am Gelände des Landeskrankenhauses Graz II wurde damit ein Gebäude zur Nutzung über­geben, das neben ökologischen Gesichtspunkten vor allem mit Fokus auf den menschlichen Maßstab und genesungsfördernde Aspekte von Raum und Material geplant wurde. Für die hier untergebrachten psychiatrischen Patient:innen stellt die Ausführung als Holzbau einen therapeutischen Mehrwert dar: Besonders im patientennahen Bereich wurde beim Innenausbau auf sichtbare Holzoberflächen gesetzt. Der Krankenhausbau gewinnt so eine wohnliche Atmosphäre und ein gutes Raumklima, Aus- und Durchblicke in das umliegende parkähnliche Areal wirken beruhigend. Aufgrund der ­hervorragenden Erfahrungen mit dem Erstling – ein Entwurf von Irmfried Windbichler, schließlich von sps architekten als Holz-Modulbau umgeplant und umgesetzt – wurde 2019 ein Folgeprojekt, zur Gänze von sps architekten, in Angriff genommen und durch den hohen Vorfertigungsgrad der Bauteile bereits 2020 fertiggestellt.

Das eingeschossige Gebäude, 2017 als erster nicht temporärer Holz-Gesundheitsbau Österreichs errichtet, beherbergt ein Ambula­torium zur medizinisch-therapeutischen Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Entwicklungsverzögerungen, Verhaltensauffälligkeiten und Behinderungen. Der Baukörper setzt sich aus drei Flügeln zusammen: Einem zentral gelegenen Verwaltungs- und Personalbereich sowie zwei Therapietrakten. In diesen sind Räume für ein breites Therapieangebot untergebracht, programmatisch unterteilt nach laut und leise. Alles verbindet sich durch einen lichtdurchfluteten Mittelgang, der mehr ist als ein reiner Erschließungsraum. Durch seine Weite und Materialität wird er selbst zum Raum, zum Therapeuten, wie Alexander Runser und Christa Prantl sagen.

Wie haben Sie den Einsatz von Holz im ­Gesundheitsbau während der Planung und im Laufe der Nutzung wahr­genommen? Gab es spezifische Rückmeldungen zur ­Architektur und dem Material Holz von Seiten der Patient:innen, von Angehörigen oder vom Pflegepersonal?

Andreas Steuer Die erste Erfahrung war, dass wir durch die Holzbauweise mit einem sehr hohen Vorfertigungsgrad bei der Errichtung arbeiten konnten. Dadurch konnte die Fertigstellung des Rohbaus in sehr kurzer Zeit erfolgen und so die gesamte Projektdauer minimiert werden. Die Befürchtung, dass die Holzbauweise im laufenden Betrieb einen erhöhten „Pflegeaufwand“ benötigt, hat sich bisher nicht bewahrheitet. Klar ersichtlich zeigt sich die Wirkung der Raumatmosphäre: Sie wird von allen Beteiligten als sehr angenehm empfunden und fördert generell das Wohlbefinden im Haus. Das ist gerade für unsere jungen Patient:innen (wir betreuen Kinder und Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr) sehr positiv. Als sehr angenehm wird auch die gelungene optische „Ein­bettung“ des Holzbaus in die unmittel­bare Umgebung des Gebäudes empfunden.

Rupert Richter-Trummer Besonders der Duft von Holz und die Atmosphäre waren und sind für alle spürbar und erlebbar – die gebaute Umgebung wird als „Therapeut“ wahrgenommen. Wir erfahren eine extreme Zufriedenheit sowohl von Patient:innen als auch von Seiten der Mitarbeiter:innen, vom Pflegepersonal bis zur Direktion. Ein Patient hat sogar eine Fotokollage zum Gebäude erstellt, die im Eingangsbereich ausgestellt ist. Zahlreiche Besichtigungen zeigen uns ebenfalls die Besonderheit dieses Gebäudes. Ein eher „öffentlicher“ Punkt betrifft die Qualität der Oberflächen, sie bleiben länger „schön“ und wirken nicht so schnell abgenutzt wie eine weiße Wand.

Wolfgang Goll Holz strahlt Wärme und Geborgenheit aus und ist somit eine wesentlicher Voraussetzung dafür, dass sich die Pensionist:innen im Josefhof so wohl fühlen. Wenn nach drei Jahren noch immer der Duft von Holz in den Zimmern vorherrscht, weiß man, dass man die richtige Entscheidung getroffen hat.

Der Bau hat viele Auszeichnungen bekommen. Die Versicherten sehen und spüren das besondere Ambiente dieses Baus und teilen uns das auch mit. Dass die Kombination aus geschmeidiger Einbettung in die Hanglage, Helligkeit, viel Grün, dem Werkstoff Holz und der hohen Ausführungsqualität sich positiv auswirkt, ist ein offenes Geheimnis. Auch die Mitarbeiter:innen des Josefhofs sehen es durchaus als Privileg an, hier arbeiten zu können.

Gesundheitsbauten unterliegen vor allem hinsichtlich Hygiene und Brandschutz ­besonderen Bestimmungen. Gab es hierzu Bedenken oder Widerstand aufgrund der Holzbauweise? Was sind für Sie, trotz ­etwaiger Erschwernisse, die Hauptargumente, um Projekte im Bereich des ­Gesundheitswesens in Holz umzusetzen?

Andreas Steuer Es gab in der Planungsphase durchaus Bedenken, weil wir zu diesem Zeitpunkt auf keine Erfahrungswerte mit Holzbauweise für Krankenanstalten zurückgreifen konnten. Es war daher geboten, umfangreiche und valide Informa­tionen zu den einzelnen Themenbereichen zu sammeln. In Bezug auf die Einhaltung von Hygienevorschriften hat sich letztlich gezeigt, dass es zu keinem höheren Aufwand gekommen ist als in anderen von uns betriebenen Ambulatorien – sowohl bei der Errichtung als auch im laufenden Betrieb. Im Rahmen des sanitätsbehördlichen Genehmigungsverfahrens gab es bei dieser Thematik ebenfalls nicht mehr Schwierigkeiten oder Aufwand als bei anderen Projekten.

Die Holzbauweise überzeugte uns, weil durch das Bauen mit vorgefertigten Teilen die Projektzeit reduziert werden konnte. Sowohl bei der Errichtung als auch im Betrieb ist sie mit der Betonbauweise absolut vergleichbar. Ein Hauptgrund war auch einfach die nachhaltige Bauweise – in Zeiten des Klimawandels ein unschlagbares Argument.

Rupert Richter-Trummer Je nach Nutzung ist ein Holzbau im Gesundheitsbereich aus hygienischer Sicht teilweise unmöglich. Einzelne Einsatzbereiche sind nur in Abstimmung mit den zuständigen Hygieni­ker:innen umsetzbar. In unserem Fall waren beispielsweise ­fugenlose, desinfektionsmittelbeständige Oberflächen vorgeschrieben. Dies konnte in Gesprächen mit dem zuständigen Hygie­neprimar so an den Zweck – die Psychiatrie – angepasst werden, dass eine Um­setzung in Holz möglich wurde. An die Oberflächen musste auch der Reinigungs- und Desinfektionsmittelplan angepasst und exekutiert werden. Viele der Vorurteile oder spezifischen Umgangsweisen können durch Gespräche im Vorhinein gelöst werden. Neben der kurzen Bauzeit und der hohen Qualität durch Vorfertigung ist für uns vor allem das Schaffen einer humanen Krankenhaus­umgebung das Hauptargument für den Einsatz von Holz in Gesundheitsbauten.

Wolfgang Goll Eine sichere Umgebung für die hier betreuten Pensionist:innen zu schaffen, ist ein elementarer Baustein dieses Hauses. Durch ein gutes Einvernehmen mit den involvierten Behörden im Vorfeld und rechtzeitige Anpassungen des Architekten gab es in puncto Hygiene oder Brandschutz daher keine wirklichen Pro­bleme. Wo wir durften, wurde Holz als Werkstoff eingesetzt.

Diese schöne Landschaft mit einem Beton­klotz zu versehen, wäre undenkbar gewesen. Dass Holz einen therapeutischen Aspekt hat, bemerkte ich erst später. Auch wenn behördliche Auflagen die Sache nicht ­unbedingt leichter machen, der Mehrwert durch den Einsatz von Holz ist ungleich größer. In der Erfolgsgeschichte konnten wir inzwischen ein weiteres Kapitel aufschlagen. Die BVAEB baut in Mürzzuschlag ein neues Haus mit Dietger Wissounig und – unschwer zu erraten – Holz wird ­dabei eine wesentliche Rolle spielen.

Andreas Steuer
Geschäftsführer der VKKJ – Verantwortung und Kompetenz für besondere Kinder und Jugendliche

Rupert Richter-Trummer
Projektleiter LKH Graz II, Standort Süd, und Bauherrenvertreter der KAGes – Steiermärkischen Krankenanstaltengesellschaft m. b. H.

Wolfgang Goll
Verwaltungsleiter der Gesundheitseinrichtung ­Josefhof, BVAEB – Versicherungsanstalt öffentlich Bediensteter, Eisenbahnen und Bergbau


verfasst von

Christina Simmel

leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

Erschienen in

Zuschnitt 84
Gesundheitsbauten in Holz

Was kann ein Gebäude aus Holz zu Genesung, Gesundheit und Wohlbefinden beitragen? Antworten darauf finden Sie in diesem Zuschnitt.

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Zuschnitt 84 - Gesundheitsbauten in Holz