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Alles F30

Aufstockung in Berlin

Claus Käpplinger
Erschienen in
Zuschnitt 77: Brandrede für Holz
März 2020, Seite 17

Die Nachverdichtung der Stadt ist heute in aller Munde, da sie die Möglichkeit bietet, ressourcenschonend einer weiteren Zersiedelung entgegenzuarbeiten. Gerade der Siedlungsbau der unmittelbaren Nachkriegszeit, der oft nur vier oder fünf Geschosse erreichte, bietet vielerorts und gerade auch in den Innenstädten noch Potenziale zu Aufstockungen. In Berlin-Kreuzberg fand 2014 eine kleine Bauherrengemeinschaft ein geeignetes Gebäude für eine Aufstockung auf einen fünfgeschossigen Wohnungsbau der 1960er Jahre, dessen statische Reserven jedoch begrenzt waren. Für fünf neue Wohneinheiten von 32 bis 117 m² Größe entwickelten die Architekten Karsten Buchner, Birgit Wienke und Martina Trixner für sich und die anderen Bauherren ein Konzept, das wesentlich auf Holzbinder und Holzständerwerke aufbaut. Die Lasten der Aufstockung mussten aber teilweise über einen neuen Stahlträger auf die alten Außenmauern verteilt werden, weil die oberste Decke des Altbaus wie auch dessen Fundamente nur recht begrenzte Lastreserven besaßen. Auf Wunsch der Stadtplanung entstanden so leicht abgerückt von der Straße und der Altbauflucht ein neues Vollgeschoss und eine sehr großzügige Dachterrasse mit vier Pavillonräumen, die das vorgefundene Satteldach ersetzen. Variationsreich auf die Wahrnehmung aller drei Dimensionen des Raums hin konzipiert, zeigen sich nun alle Wohnräume angenehm lichterfüllt mit wechselnden Raumhöhen, Galerien und Orientierungen, die gerade auch ihre Konstruktion in Holz mit 72 cm hohen Leimbindern effektvoll zu inszenieren verstehen. Weiß gelaugt und geölt, stehen sie wiederkehrend in sanftem Kontrast zu den reversibel konzipierten Trockenbauwänden, deren Höhe nun zwischen 2,30 und 4,50 Metern differiert.

Schwierig wird es bei Aufstockungen, wenn es dadurch zu einer Änderung der Gebäudeklasse kommt und sich dadurch die Brandschutzanforderungen erhöhen. Der Architektengemeinschaft aber gelang es mit ihrem Entwurf, innerhalb der Gebäudeklasse 5 zu bleiben. Rüdiger Jockwer erstellte den Brandschutznachweis mit F30-Bauteilen und Rettungswegen über die beiden Altbau-Treppenhäuser sowie Anleiterstellen für Hubrettungswägen in einer Höhe von 17 Metern. Unumgänglich waren dafür jedoch Vorhangfassaden aus Trapezblech. Den vielfältigen räumlichen und sensuellen Qualitäten der Aufstockung tut dies keinen Abbruch, vielmehr wurde hier mit begrenzten Mitteln Erstaunliches erreicht. Zu Recht erhielt das Projekt Wassertorstraße 2 den 2019 erstmals verliehenen Berliner Holzbaupreis in der Kategorie Bauen im Bestand.

Aufstockung Wohnhaus

Fertigstellung

April 2017

Standort

Wassertorstraße 12 – 13, Berlin/DE

Planer

Architekturbüro Martina Trixner, Berlin/DE, www.martina-trixner.de;
buchner + wienke architekten, Berlin/DE, www.buchnerundwienke.de

Bauherr

Bauherrengemeinschaft Wassertorstraße GbR c/o Leo Ganz, Berlin/DE

Statik

Niehues Winkler Ingenieure GmbH, Berlin/DE, www.niehueswinkler.de

Brandschutzplanung

Maria Neuse/Ingenieurbüro Rüdiger Jockwer, Berlin/DE, www.jockwer-gmbh.de

Holzbau

Kontec Montage GmbH, Storkow/DE, www.kontec-montage.de

Text

Claus Käpplinger
lebt als freier Architektur- und Stadtkritiker in Berlin und lehrt seit 2012 am Institut für Entwerfen und Gebäudelehre der TU Braunschweig.