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Lernen vom

84 Meter hohen Hochhaus in Wien

Maik Novotny
Erschienen in
Zuschnitt 77: Brandrede für Holz
März 2020, Seite 18f.

Der Brandschutz für das 84 Meter hohe Holzhochhaus in Wien war für Planer und Behörden eine besondere Herausforderung, die Erkenntnisse daraus konnten auch für Folgeprojekte gewonnen werden. Das HoHo Wien ist nicht nur stadträumlich ein Leuchtturmprojekt der Seestadt Aspern, sondern stellt als Holzhochhaus von Anfang an einen architektonischen Sonderfall dar. Das von einem privaten Investor, der Kerbler Holding, entwickelte Projekt betritt eindeutig konstruktives Neuland. Ein Kern aus Stahlbeton, daran angehängt eine Holz-Verbundkonstruktion, bestehend aus vier Grundelementen: Verbunddecken, Wand­elementen, Stützen und Unterzügen. Die ersten Mieter zogen 2019 ein, eine Hotelkette wird im Sommer 2020 eröffnen.

Holz in der Höhe – ganz klar, dass hier von Anfang an die Frage des Brandschutzes zentral war. Die Planer RLP Rüdiger Lainer + Partner setzten gemeinsam mit Brandschutzplaner Alexander Kunz und Ingenieur Richard Woschitz (Woschitz Group) ein ­Strategiepapier auf und legten dieses der Kompetenzstelle Brand­schutz (KSB) der Magistratsabteilung 37 (MA 37) vor.

»Wir haben uns genau überlegt, was wir erreichen wollen und wie wir es umsetzen«, erklärt Rüdiger Lainer. Die Argumente, mit denen die Planer die Behörden überzeugen wollten, waren unter anderem: Das aus den vorgefertigten Elementen bestehende Konstruktionssystem wies – im Unterschied etwa zu traditionellen Tramdecken – keine Hohlräume auf, in denen sich ein Feuer unbemerkt entwickeln und ausbreiten kann. Die kleinen Brandabschnitte, die sich aus dem Entwurf ergaben, waren ein weiterer Vorteil.

In ihrer Strategie kamen die Planer den Behörden zudem entgegen, denn sie entwickelten ihr Brandschutzkonzept aus den Normen heraus. »Die Bauordnung definiert Schutzziele«, so Alexander Kunz. »Wie diese einzuhalten sind, steht als Empfehlung in den OIB-Richtlinien. Wir haben also jeden Punkt der Richtlinien den Schutzzielen zugeordnet und dargestellt, in welchen Punkten wir davon abweichen. Für diese Punkte hatten wir uns bereits Gegenmaßnahmen überlegt.« Dies betraf im Wesentlichen die Tragkonstruktion.

Die erste Besprechung mit der MA 37 und der Feuerwehr verlief vielversprechend, zu lösen war danach vor allem die Frage, wie stabil die Knoten und Auflager im Brandfall sein würden. Sprich: Die kraftschlüssige Übertragung der Horizontalkräfte ins massive »Rückgrat« des HoHo Wien musste gewährleistet bleiben, auch unter Berücksichtigung eventueller Bautoleranzen.

Die große Bewährungsprobe schließlich war der Worst-Case-Test eines kompletten Elements (Stütze, Knoten, Decke) im Maßstab 1:1 in der Versuchsanstalt der Prüf-, Inspektions- und Zertifizierungsstelle der Magistratsabteilung 39 (MA 39), mit 90 Minuten Befeuerung mit 1.000 °C. Das Ergebnis war positiv: Es kam zu einem Abbrand von ca. 5 cm und es bildete sich eine Kohleschicht. Nach Entfernung der komplett verkohlten Oberflächenschicht von 2 bis 3 cm erwies sich der Kern des Holzes als komplett intakt. Erkenntnis am ­Rande: Ein wichtiger Einflussfaktor für das Brandverhalten war die Klebstoffschicht in den Brett­sperrholz-Elementen, die je nach Klebstoffeigenschaft und vor allem bei den Decken zu einem ­vorzeitigen Abfallen der schützenden Kohleschicht führt und damit brandbeschleunigend wirkte, während die dazwischenliegenden Holzschichten das ­Vordringen des Feuers bremsten.

»Man muss wirklich sagen, dass die Professionalität aller Beteilig­ten hier zum Erfolg beigetragen hat«, sagt Irmgard Eder, Leiterin der Kompetenzstelle Brandschutz (KSB) bei der MA 37. »Der Test bei der MA 39 war hilfreich, aber ganz elementar waren die technischen Überlegungen des Brandschutzplaners. Der Rest war ein gemeinsamer Iterationsprozess zwischen allen Planern, der Feuerwehr und mir.« Zweifellos förderlich war auch die Tatsache, dass das HoHo Wien ein Leitprojekt für die gesamte Stadt war, das niemand scheitern sehen wollte.

Hat man bei der KSB aus diesem Sonderprojekt Erkenntnisse für weitere Fälle gewonnen? »Grundsätzlich ist jedes Projekt ein Einzelfall, aber der Ansatz, die Brandlast durch kleinere gekapselte Einheiten zu reduzieren, wurde schon in anderen Projekten erfolgreich umgesetzt«, sagt Irmgard Eder. Auch die Kombination »Holz, wo möglich, Beton, wo erforderlich«, sei für künftige Projekte der Schlüssel zum Erfolg. Sprich: Bei Stiegenhäusern gewinnt aus konstruktiven und brandschutztechnischen Gründen der Stahlbeton, bei den Decken sind auch aus Schallschutzgründen die Holz-Verbunddecken im Vorteil.

Auch die Architekten haben Leitthemen aus dem HoHo Wien seit­her weiterverfolgt. Bei RLP ist vor allem das Grundkonzept eines fixen Kerns mit flexibel nutzbaren »Anhängseln« seit langem eine Konstante. »Wir versuchen jetzt, dies im verdichteten Flachbau um­zusetzen«, sagt Projektleiter Oliver Sterl. Ein aktuelles Projekt ist der Wohnbau in der Waldrebengasse in Wien-Stadlau, der im Rahmen eines Bauträgerwettbewerbs der Wohnbauoffensive 2018 bis 2020 entsteht. Hier wird ein massiver Stiegenhauskern mit 7 Meter tiefen Wohntrakten in Hybridbauweise kombiniert. Dafür entwickelten RLP das System OBSYS, eine Fortführung des HoHo-Systems.

»Die Kernidee dabei ist, dass wir uns nicht wie beim HoHo Wien an einen Hersteller binden wollen, der das Marktmonopol hat«, erklärt Sterl. Denn solche hoch angesetzten Preise seien für den geförderten Wohnbau nicht realisierbar. Das OBSYS ist daher als offenes Bausystem konzipiert, das dank serieller Vorfertigung und Anbieterkonkurrenz auch für Wohnbauträger rechnerisch attraktiv ist. »Die Umsetzung kann mit Brettsperrholz, Brettschichtholz oder klassischen Dippelbaumdecken-Systemen erfolgen.« Das Brandschutzkonzept funktioniert hier, was die Fluchtwege betrifft, ähnlich wie beim HoHo Wien, nämlich durch kleine Brandabschnitte und die kurze Distanz zu den Stiegenhauskernen. Zudem profitiert man von der 2015 erfolgten Änderung der OIB-Richtlinie 2, die Holzkonstruktionen in Gebäuden bis zu sechs Geschossen ermöglicht. Der Baubeginn für die Waldrebengasse, ein Projekt der IBA Wien, ist für 2022 geplant.

Videobeitrag: schau LEBEN – Holzhochhaus Aspern

Die Seestadt Aspern gehört zu Europas größten Stadtentwicklungsprojekten in diesem Jahrtausend. Schön langsam nimmt sie Form an, auch mit baulichen Innovationen, wie eins der höchsten Häuser in Holzbauweise. (04.02.2020)
https://schautv.at/schau-leben-highlights/schau-leben-holzhochhaus-aspern/400745781

Brandschutzkonzept (Auszug)

  • Konstruktionssystem ohne Hohlräume
  • kleine Brandabschnitte
  • Hybridbauweise: Stahlbetonkern, Holz-Beton-Verbunddecken
  • Brandversuche mit Knoten- und Auflagerdetail
  • flächendeckende Sprinkler- und Brandmeldeanlage

84 Meter hohes Hochhaus in Wien

Fertigstellung

Teilfertigstellung 2019

Standort

Seeparkquartier, Wien/AT

Bauherr

cetus Baudevelopment GmbH, Wien/AT, www.cetus.at

Planung

RLP Rüdiger Lainer + Partner Architekten, Wien/AT, www.lainer.at

Statik

Woschitz Group, Wien/AT, www.woschitzgroup.com

Brandschutzplanung

Kunz – die innovativen Brandschutzplaner, Mödling/AT,
www.brandschutzplaner.at

Holzbau

Handler Bau GmbH, Bad Schönau/AT, www.handler-group.com

Text

Maik Novotny

ist Architekturjournalist und schreibt regelmäßig für die Tageszeitung Der Standard, die Wochenzeitung Falter sowie für Fachmedien über Architektur, Stadtentwicklung und Design.
www.maiknovotny.com