Inhalt

Lernen vom

34 Meter hohen Wohnhaus in Heilbronn

Roland Pawlitschko
Erschienen in
Zuschnitt 77: Brandrede für Holz
März 2020, Seite 10f.

Zur Bundesgartenschau 2019 initiierte die Stadt Heilbronn mehrere Stadtentwicklungsprojekte. Die »Stadtausstellung Neckarbogen« entstand auf dem BuGa-Gelände direkt nordwestlich des Stadtzentrums – auch um vorhandene innerstädtische Flächenressourcen neu zu erschließen. Dabei realisierten verschiedene Bauherren mit unterschiedlichen Architekten modellhaft innovative Projekte, die sowohl Eigentums- und Mietwohnungen als auch Wohn- und Inklusionskonzepte für Studenten, junge und ältere Menschen umfassen. Das Wohnhochhaus aus Holz bietet 56 kompakte Ein- bis Zwei-Zimmer-Wohnungen, vier größere Einheiten für Wohngemeinschaften sowie eine gemeinschaftliche Dachterrasse, ein öffentliches Café und einen Gemeinschaftsraum mit Küche und Waschsalon. Als Eckbebauung an einer der Haupterschließungsachsen des Geländes und als höchstes Gebäude des Stadtausstellungsensembles nimmt es eine besondere städtebauliche Rolle ein. Außergewöhnlich ist das Haus aber vor allem, weil es als aktuell höchstes Holz-Hochhaus Deutschlands gilt. Genau genommen handelt es sich um eine Hybridkonstruktion, bei der auch Stahlbeton- und Stahlbauteile zum Einsatz kamen.

Angesichts bereits zahlreicher in Holzbauweise realisierter Wohnhäuser waren die Berliner Architekten des Büros Kaden+Lager schon vor Planungsbeginn hinreichend mit diesem Baustoff vertraut. Dennoch stellte der Bau eines Hochhauses auch für sie eine Herausforderung dar, nicht zuletzt, weil die in Baden-Württemberg nicht eingeführte Muster-Hochhausrichtlinie (mhhr) lediglich als Orientierungshilfe diente. Aus diesem Grund war zur brandschutztechnischen Bewertung des Projekts die aktuelle Landesbauordnung (LBO) Baden-Württemberg heranzuziehen. Diese erlaubt brennbare Tragkonstruktionen ohne nicht brennbare Bekleidungen bei Bauten der Gebäudeklasse 5 nur dann, wenn ein Brandüberschlag (insbesondere zwischen den Geschossen) durch bauliche Maßnahmen ausgeschlossen werden kann.

Um dies zu gewährleisten, arbeitete Kaden+Lager von Anfang an mit den Statikern und den Brandschutzingenieuren zusammen, die ein sehr ausführliches Brandschutzkonzept erstellten. Teil dieses Konzepts war eine in statischer und brandschutztechnischer Hinsicht sehr »robuste« Konstruktion, die beispielsweise ein Sockelgeschoss und ein mittiges Sicherheitsfluchttreppenhaus in Stahlbeton beinhaltet. Letzteres verfügt über Schleusen und steht zudem unter Überdruck, wodurch verhindert wird, dass Rauch aus einer brennenden Etage in den Treppenraum gelangt. Die tragenden Stützen bestehen aus Brettschichtholz, die Decken und die vereinzelt tragenden Wände der Wohnungen aus Brettsperrholz – alle Bauteile wurden aus zertifiziertem Fichtenholz vorgefertigt. Massive Holzbauteile bieten vor allem zwei Vorteile: Sie sind frei von Hohlräumen, in denen Hohlraumbrände entstehen können, und sie sind im Brandfall durch die einsetzende Holzkohlebildung geschützt.

Um die Wohnungen mit viel Tageslicht zu versorgen und umgekehrt den ungestörten Blick auf das neu gestaltete Neckarufer zu ermöglichen, entwarfen die Architekten große raumhohe Fenster, die sie in der Gebäudehülle aus Aluminiumpaneelen versetzt anordneten. Als Kompensation zur dadurch entstehenden Gefahr eines Brandüberschlags über die Fassade wurde eine Hochdruck-Wassernebellöschanlage eingebaut. Diese Anlage wirkt nicht nur der Entwicklung eines Vollbrands effektiv entgegen, sie ermöglichte es auch, sämtliche Außenwände als nicht tragende, außenseitig gedämmte Massivholzwände in F30 und von innen holzsichtig auszuführen. Als weitere Folge der fehlenden Brüstungen, aber auch aufgrund der großen Stützenabstände von 8,5 Metern wurden in der Außenfassade Stahlträger eingebaut, die zugleich als Ringanker und Deckenauflager dienen. Holzträger kamen hier wegen zu großer Aufbauhöhen nicht infrage.

Wesentliches brandschutztechnisches Thema dieses Projekts ist die Rauchdichtigkeit der Deckenkonstruktion. Sie wird durch Fugen an den Bauteilverbindungen erreicht, die mehrfach mit Nuten und Gipsfaserplatten sowie teils zusätzlich mit Brandschutzmasse und Klebebändern geschützt sind. An den Deckenstößen wird dieses Prinzip ebenso angewendet wie an den Deckenanschlüssen zu Beton- und Holzwänden. Hinzu kommt ein aus vielen weiteren Einzelschichten bestehender Bodenaufbau mit Trockenestrich. Der weitgehende Verzicht auf aufschäumende Brandschutzmasse ist ebenso Teil der ökologischen Nachhaltigkeit dieses Projekts wie der trockene Bodenaufbau. Letzterer macht es möglich, sämtliche Baustoffe eines Tages einfach zerlegen und getrennt recyceln oder wiederverwenden zu können.

Gebäudeentwurf und Brandschutzkonzept sind das Ergebnis aus den langjährigen Holzbau-Erfahrungen sowohl der Architekten als auch der Ingenieure. Um diese tatsächlich in die Realität umsetzen zu können, war es unerlässlich, sie in allen Einzelheiten schon sehr früh mit den Baubehörden und der Feuerwehr der Stadt Heilbronn abzustimmen. Dies war umso wichtiger, als sich das Projekt ja jenseits der bauaufsichtlichen Regelwerke bewegte. Dass sich der enge Austausch gelohnt hat, zeigt ein Genehmigungsprozess, der nach Abgabe der Pläne vergleichsweise unspektakulär und ohne wesentliche Nachforderungen wie Brandversuche ablief. Und auch eine Teilbaugenehmigung für den Betonbau wurde problemlos erteilt, weil die Aussicht auf Realisierung des Gesamtprojekts zu keinem Zeitpunkt infrage stand. Diese Teilbaugenehmigung bot vor allem den Vorteil, mit dem Bau beginnen und gleichzeitig die Holzbauteile vorfertigen zu können.

Sowohl die hybride Konstruktion als auch das Brandschutzkonzept hätten – zwar mit größeren Bauteilquerschnitten, aber in der gleichen innenräumlichen Qualität – die Ausführung eines viel höheren Holzhochhauses erlaubt. Während die Böden Linoleumbeläge erhielten, erscheinen sämtliche Außenwände und die Decken in unbekleidetem Holz. Die Leichtbauwände hingegen wurden mit Gipskartonbekleidung versehen und die Betonwände des Fluchttreppenhauses gespachtelt und gestrichen. Ergebnis ist eine differenzierte Innenraumwirkung mit hohem Anteil an wohnlich warmen Holzoberflächen. Das Wohnhochhaus in Heilbronn ist ein Wegbereiter eines undogmatischen und immer selbstverständlicher werdenden Holzbaus, dem die konstruktiven und brandschutztechnischen Anstrengungen nicht anzusehen sind.

Detail Deckenstoß

Auf eine korrekte Ausführung vor Ort kommt es an. Nur dann kann die Konstruktion als absolut rauchdicht eingeschätzt werden.

Brandschutzkonzept (Auszug)

  • Hybridbauweise: Sockelgeschoss und Treppenhaus aus Stahlbeton
  • Treppenhaus mit Schleusen und Überdruck, damit kein Rauch in den Treppenraum gelangt
  • Hochdruck-Wasserlöschanlage, verhindert Brandüberschlag über Fassade und erlaubt Außenwände in F 30
  • enger Austausch mit Behörden und Feuerwehr
  • Rauchdichtigkeit der Decken

Quelle (Detail)

Brandschutzkonzepte für mehrgeschossige Gebäude und Aufstockungen, holzbau handbuch, Reihe 3, Teil 5, Folge 1, Informationsdienst Holz, Berlin 2019

34 Meter hohes Wohnhaus in Heilbronn

Fertigstellung

März 2019

Standort

Fruchtschuppenweg 3, Heilbronn/DE

Bauherr

Stadtsiedlung Heilbronn GmbH, Heilbronn/DE, www.stadtsiedlung.de

Planung

Kaden+Lager, Berlin/DE, www.kadenundlager.de

Statik

bauart Konstruktions GmbH & Co. KG, Lauterbach/DE, www.bauart-konstruktion.de

Brandschutzplanung

Dehne, Kruse Brandschutzingenieure GmbH & Co. KG, Gifhorn/DE,
www.kd-brandschutz.de

Holzbau

Züblin Timber, Aichach/DE, www.zueblin-timber.com

Text

Roland Pawlitschko
ist freier Architekt, Autor und Redakteur sowie Architekturkritiker.  Er lebt und arbeitet in München.