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Drei Bauphysiker im Gespräch

Worauf kommt es beim Schallschutz in der Praxis an?

Christina Simmel
Erschienen in
Zuschnitt 80: Schallschutz
März 2021, Seite 24f.

Die Anforderungen an den Schallschutz haben sich im Laufe der Zeit zunehmend erhöht. Der Holzbau bietet mittlerweile viele Möglichkeiten, unerwünschter Schallausbreitung holzbauspezifische Lösungen entgegenzusetzen. Wir haben die drei Bauphysiker Karl Höfler, Rupert Wolffhardt und Felix Kiel gefragt: Worauf kommt es beim Schallschutz in der Praxis an?

Felix Kiel Für uns im Planungsalltag dominieren im Grunde drei Aspekte: Die Einhaltung der bauordnungsrechtlich eingeführten technischen Baubestimmungen, die Anwendung der anerkannten Regeln der Technik und die Zufriedenheit der NutzerInnen – es geht neben dem Erfüllen der Mindestanforderungen in der Regel darum, aber auch um die Frage, mit welchen Qualitäten die Umsetzung erfolgt. Wie lebe ich in einem Raum, der zwar alle Anforderungen an den Schallschutz erfüllt, aber eine abgehängte Decke hat und an allen vier Wänden Vorsatzschalen – fühle ich mich in so einem Raum noch wohl, wenn ich gar keine »richtige« Wand mehr erfahren kann? Das ist aber ein Aspekt, der im Regelwerk nicht festgehalten ist oder festgehalten werden kann, aber wichtig ist.

Karl Höfler Neben der Einhaltung der Normen und Regelwerke und dem Aspekt der räumlichen oder räumlich erfahrbaren Qualität braucht es auch eine gute Kommunikation – man muss den Nutzerinnen und Nutzern klar mitteilen, dass Mindestschallschutz nicht heißt, nichts zu hören. In der Praxis wird meist die Einhaltung der Mindestanforderungen angestrebt, aber darüber hinaus werden selten Maßnahmen gesetzt. Das hat natürlich oft mit dem Kostenrahmen des Projekts zu tun: Da liegt es an der Bauherrschaft, ob es darum geht, lediglich die Norm zu erfüllen – egal wie – oder ein ökologisch wertvolles und räumlich qualitätvolles Gebäude mit hohem Schallschutz zu errichten.

Rupert Wolffhardt Man muss vor allem vermitteln, dass auch ein laut Norm ausreichender Trittschallschutz nichts darüber aussagt, ob ich hüpfende Kinder in der Wohnung über mir höre oder nicht. Der bewertete Frequenzbereich bildet nur einen Teil des für den Menschen wahrnehmbaren Hörbereichs ab – tieffrequenter Schall, der durch Barfußgehen oder Sesselrücken entsteht, ist nicht abgebildet. Gerade hier hat der Holzbau mitunter Schwierigkeiten, die man aber durch zusätzliche Maßnahmen in den Griff bekommen kann.

Karl Höfler Es geht natürlich auch um die Bereitschaft, über die Mindestanforderungen hinaus einen erhöhten Schallschutz anzubieten, wenn es kostenmäßig einfach umsetzbar ist. Meine Erfahrung ist: Wenn die Schallmessung im fertig errichteten Gebäude 45 dB oder weniger beim Trittschall der Decke ergibt – zulässig sind höchstens 48 dB – wird darin oft nicht der Vorteil des erhöhten Schallschutzes gesehen, sondern eher Einsparungspotenzial. Bei Folgeprojekten heißt es dann: Muss man die Konstruktion wieder so machen oder geht es billiger? Auch wenn man damit bewährte Konstruktionen verwirft und auch die Zufriedenheit in der Nutzung weniger berücksichtigt.

Mindestschallschutz bedeutet nicht, gar nichts zu hören. Dennoch sind die Anforderungen in Österreich europaweit mitunter am strengsten. Sind die bestehenden Standards zu hoch?

Felix Kiel Aus meiner Sicht sind die Mindestanforderungen an den Schallschutz nicht zu hoch, und wenn Komfort eine Rolle spielt, gehört ein erhöhter Schallschutz klar dazu. Dabei geht es aber nicht um absolute Stille, das ist auch sicher nicht der Wunsch der BewohnerInnen.

Karl Höfler Ein Blick auf die Entstehungsgeschichte der Norm aus den 1950er Jahren zeigt, dass es nicht um die absolute Vermeidung von Geräuschen geht. In Versuchsreihen mit einem Pool an Testpersonen wurde ein Mittelmaß dessen erfasst, was gemeinhin als störend empfunden wird. Das hat sich sicher im Laufe der Zeit verändert: Das betrifft die Ansprüche, aber auch die Umstände – Fassaden und Fenster leisten heute mehr, die Belastung durch den Außenlärm ist anders. Vielleicht müsste man da nachschärfen.

Felix Kiel Das Zusammenspiel von Außenlärm und Innenschallschutz spielt sicher eine Rolle – die Erfahrung zeigt: Man macht sich nach außen dicht und hört die Tram nicht mehr, dafür umso deutlicher die Nachbarinnen und Nachbarn.  

Karl Höfler Ein weiterer Aspekt ist sicher, dass sich im gesellschaftlichen Zusammenleben und im Umgang miteinander etwas verändert hat. Früher hat man die Menschen in der Nachbarschaft vielleicht eher gekannt oder zumindest war die Bereitschaft da, ein Lärmproblem direkt anzusprechen. Heute kommt gleich ein Brief der Hausverwaltung oder vom Rechtsanwalt und es wird weniger direkt kommuniziert. Die Hemmschwelle ist eine andere.

Rupert Wolffhardt Ich würde es so sagen: Der Schallschutz ist nicht zu hoch angesetzt, aber zu wenig detailliert. Die Einzahlwerte haben ihre Tücken und eine eingeschränkte Aussagekraft. Sie zeigen nur ein zusammengefasstes Bild eines Schallvorgangs und es wird nur ein gewisser Frequenzbereich berücksichtigt. Dazu kommt, dass sich die subjektive Wahrnehmung nicht in einem Kennwert ausdrücken lässt. Es hängt stark vom persönlichen Empfinden ab, wie man eine Schallquelle wahrnimmt und welchen Bezug man dazu hat – eine befreundete Nachbarin stört mich erfahrungsgemäß weniger mit ihrem Klavierspiel als Geräusche von jemandem, den ich nicht kenne oder nicht ausstehen kann.

Mit welchen Lösungen kann man diesen Herausforderungen begegnen und wie haben sich die Lösungsansätze im Laufe Ihrer Berufserfahrung entwickelt?

Felix Kiel Es ist schwierig, aber möglich. Es gibt Spektrum-Anpassungswerte, die das menschliche Hörempfinden und ein breiteres Frequenzspektrum berücksichtigen und die man in die Gewichtung einfließen lassen kann. Diese Korrekturwerte haben aber keinen verbindlichen Charakter. Würden sie normativ beziehungsweise baurechtlich berücksichtigt werden, wäre eine Vereinheitlichung der Qualität die Folge – sonst kommt es meist zur bereits angesprochenen Diskussion mit den AuftraggeberInnen bezüglich der Notwendigkeit. Es gibt Versuche, Einzahlwerte in ein hörsames Empfinden zu übersetzen – zum Beispiel »hörbar« oder »nicht störend« – das sind die Zielgrößen, die in der Kommunikation helfen und die anzustreben sind – unabhängig vom Baumaterial oder der Konstruktionsweise.

Karl Höfler Ich bin seit 25 Jahren im Holzbau tätig, und am Anfang war klar, es geht im Holzbau nur mit abgehängten Decken. Mittlerweile ist das anders. Es gibt viele unterschiedliche Aufbauten, mit denen sich ein guter Schallschutz erzielen lässt. Man hat neue Materialien zur Verfügung und kann auf Erfahrungswerte zurückgreifen. Das Problem liegt nicht in den konstruktiven Möglichkeiten, sondern eher in der Bewertbarkeit. Ein grundlegendes Problem im Schallschutz ist die Präzision der Berechnungen, Vorbemessungen und Vergleichsaufbauten – letztlich zählt der gemessene Wert im fertiggestellten Gebäude.

Felix Kiel Eine Weiterentwicklung, vor allem den Standard betreffend, kann ich bestätigen – der hat sich stark verändert und positiv entwickelt. Vor allem vor zwanzig Jahren gab es in einer experimentellen Phase viel Innovation, die inzwischen einfach zum Standard zählt – das Feld ist schon beackert, könnte man sagen. Bei neuen Lösungsansätzen liegt der Fokus im Moment nicht auf der technischen Machbarkeit, sondern auf der Nachweisbarkeit. Man kann viel rechnen, aber die tatsächlich erwartbaren Qualitäten rechnerisch verlässlich prognostizieren und Abweichungen von Prüfaufbauten bewerten zu können, darin liegt momentan die Herausforderung.

Karl Höfler

ist Bauingenieur und Geschäftsführer des technischen Büros für Bauphysik rosenfelder & höfler consulting engineers GmbH & Co KG mit zahlreichen umgesetzten Holzbauten im mehrgeschossigen Wohnbau.

Felix Kiel

ist Sachverständiger für hygrothermische Bauphysik und im Büro bauart Konstruktions GmbH & Co. KG als planender Ingenieur in den Bereichen des Brand-, Schall- und Wärmeschutzes tätig.

Rupert Wolffhardt

ist Mitarbeiter im Bereich Bauphysik der Holzforschung Austria und unter anderem mit Hygrothermik und Objektbauphysik befasst.

Text

Christina Simmel

leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at

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