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Essay

»Ruhe ist die erste Bürgerpflicht«

Peter Payer
Erschienen in
Zuschnitt 80: Schallschutz
März 2021, Seite 4f.

Viel zu selten ist uns bewusst, dass die Orientierung im Raum  oder – allgemeiner gesagt – die Aneignung eines Raums zu einem wesentlichen Teil über die Ohren erfolgt. Wir kennen dies aus unserem Privatbereich. Die Wohnung oder das Haus ist voll mit Geräuschen, die uns über die Jahre zutiefst vertraut werden.
Eine spezifische häusliche Symphonie – im Positiven wie im Negativen. Schon der Schriftsteller Franz Kafka, akustisch überaus empfindlich, klagte in einer seiner Erzählungen über die ihn umgebende Lautkulisse: »Ich sitze in meinem Zimmer im Hauptquartier des Lärms der ganzen Wohnung. Alle Türen höre ich schlagen, durch ihren Lärm bleiben mir nur die Schritte der zwischen ihnen Laufenden erspart, noch das Zuklappen der Herdtüre in der Küche höre ich, aus dem Ofen im Nebenzimmer wird die Asche gekratzt. Die Wohnungstür wird aufgeklinkt und lärmt wie aus katarrhalischem Hals, öffnet sich dann weiterhin mit dem kurzen Singen einer Frauenstimme und schließt sich mit einem dumpfen männlichen Ruck, der sich am rücksichtslosesten anhört. Schon früher dachte ich daran, ob ich nicht die Türe bis zu einer kleinen Spalte öffnen, schlangengleich ins Nebenzimmer kriechen und so auf dem Boden um Ruhe bitten sollte.«

Auch im öffentlichen Raum der Stadt kommt den Geräuschen eine vergleichbare Funktion zu. Die akustische Hülle um die Gebäude sorgt für Vertrautheit und Wiedererkennung. Und auch das Ausmaß der Identifikation der Bewohnerinnen und Bewohner mit ihrer Stadt wird durch das Hören entscheidend (mit)geprägt.

Es war die vorvorige Jahrhundertwende, als sich – im Innen- wie im Außenbereich – neue Sensibilitäten für Geräusch und Lärm herausbildeten. »Stelle dich einmal gegen Mittag an eine belebte Straßenkreuzung der Großstadt: da poltert, kollert, knarrt, läutet, pfeift, schreit, tollt es oft durcheinander, dass man den Lärm als körperlichen Schmerz empfindet. Und weil sich jeder einzelne über die andern zu Gehör bringen will, lizitieren einander die Krawallmacher immer mehr in ein Tohuwabohu hinauf, ohne doch ihren eigentlichen Zweck zu erreichen.«

Mit diesen drastischen Worten zeichnete der deutsche Musikkritiker Richard Batka nicht nur ein bemerkenswertes Klangbild der Großstadt um 1900; seine Aufforderung zum bewussten Hören verweist auch paradigmatisch auf die gestiegene Aufmerksamkeit gegenüber der urbanen Lautsphäre. Umwälzende soziale, technische und wirtschaftliche Entwicklungen hatten eine Flut an neuen Geräuschen entstehen lassen, die von der Bevölkerung adaptiert werden mussten. Ein typischer »Großstadtwirbel« (Felix Salten) war entstanden, die gesamte auditive Kultur begann sich zu wandeln.

Vor allem der Verkehrslärm war nicht selten bis spät in die Nacht hinein zu hören, wodurch auch der Begriff von »Stille« eine neue Bedeutung erhielt. »Was der Großstädter Stille nennt«, stellte der Direktor des Wiener Burgtheaters Alfred Freiherr von Berger 1909 bedauernd fest, »das ist ein Gemisch aller möglichen Geräusche, an das er sich so gewöhnt hat, dass er es gar nicht mehr hört, welches also Stille für ihn ist.« Eine richtige Stille, so Berger, sei mittlerweile so gut wie unbekannt, ja man brauche oft sogar einen gewissen Geräuschpegel, um sich wohlzufühlen.

Der Kampf gegen den Lärm begann. Ärzte, Architekten und Städtebauer suchten nach Möglichkeiten der Lärmreduktion, bei Vorträgen und Tagungen über Hygiene und Gesundheitspflege wurde der Lärm bzw. dessen Vermeidung zum vieldiskutierten Thema. In Österreich, wie in ganz Europa und den USA, wurden »Antilärmvereine« gegründet, die die steigende Sehnsucht nach Ruhe auch auf gesellschaftlich-politischer Ebene zu erreichen versuchten.

Als eine der wirksamsten lärmdämmenden Maßnahmen erwies sich die Verlegung von geräuscharmen Straßenbelägen. Anstelle des lauten Granitpflasters trat immer häufiger die Asphalt- und die als akustische Wohltat empfundene Holzstöckelpflasterung. Bei den schallisolierenden Baumaterialien bewährte sich Korkstein, holzverschalte Wände wirkten ebenfalls lärmmindernd. Der Einbau von Doppelfenstern, in die gegebenenfalls schalldämpfende Polster gelegt werden konnten, war bald Standard, Doppeltüren hingegen waren noch länger ausschließlich Hotels vorbehalten. Die Bauakustik war in jenen Jahren noch in den Kinderschuhen. Sie sollte sich in Europa erst nach dem Ersten Weltkrieg zu einer wissenschaftlich anerkannten Disziplin entwickeln, Hand in Hand mit einer Popularisierung und Weiterentwicklung einschlägiger Techniken.

»Ruhe ist die erste Bürgerpflicht«: Das Ideal des zur führenden Gesellschaftsschicht aufgestiegenen Bürgertums prägte im 20. Jahrhundert das Aussehen von Gebäuden und Städten.Gesetzliche Vorschriften, detaillierte Reglementierungen und Normierungen standen und stehen – mit mehr oder weniger Erfolg – im Dienste dieses umfassenden Zielbildes. Denn eine immer komplexer und verflochtener werdende Gesellschaft hat, wie es scheint, auch immer differenziertere »akustische Nebenwirkungen«. Und so gilt wohl bis heute jene Empfehlung, die der deutsche Kulturphilosoph Theodor Lessing einst abgab: »Man muss also die Kunst erlernen, alles zwar hören zu können, aber wo nicht nottut, doch faktisch nicht hinzuhören.«

Text

Peter Payer

ist Historiker und Stadtforscher. Er führt ein Büro für Stadtgeschichte und ist Kurator im Technischen Museum Wien. Zahlreiche Publikationen, u. a. Der Klang der Großstadt. Eine Geschichte des Hörens, Wien 1850 – 1914, Wien 2018. www.stadt-forschung.at