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Toshikatsu Endō

Stefan Tasch
Erschienen in
Zuschnitt 77: Brandrede für Holz
März 2020, Seite 28

In der Steinzeit hielten Jäger ihre Holzspeere ins Feuer, um sie zu optimieren, zu härten und entsprechend widerstandsfähiger zu machen. Diese alte Technik der Feuerhärtung ist als archaische Methode auch in den Arbeiten des japanischen Künstlers Toshikatsu Endō zu finden. Auf der documenta 8 zeigte Endō 1987 die Skulptur »Epitaph«, einen aus dreißig Holzbalken zum Quadrat geschichteten Kubus, den er zunächst abflammte um ähnlich einem alchemistischen Prozess – eine Wandlung der Stofflichkeit herbeizuführen. Über die Bedeutung des Feuers in seinem metaphysisch aufgeladenen Werk äußerte sich Endō: »Ich fühle eine gewisse Beziehung zwischen dem Akt der Schaffung einer Skulptur und dem Akt der Bestattung einer Person.« Das Prozesshafte ist ein wichtiger Bestandteil im Werk Endōs, dessen finale Ästhetik sich auch mit dem Shou Sugi Ban, einer jahrhundertealten japanischen Technik, Holz gegen Feuer, Nässe und Insektenbefall resistent zu machen, in Beziehung setzen lässt. Dabei wird die Holzoberfläche leicht verkohlt, ohne jedoch das Holz zu verbrennen.

Die Karbonisierung macht das Holz wasserdicht und somit haltbarer. Formal lassen sich die Arbeiten des japanischen Künstlers mit der westlichen Kunstrichtung des Minimalismus vergleichen, wobei Endōs Skulpturen eindeutig spirituelle Aspekte aufweisen und ästhetisch letztlich dem Shibusa-Stil (1615 – 1868) näherstehen. Shibui bedeutet schlicht, dezent, sparsam und kann auf ein breites Spektrum von Gegenständen – auch jenseits der Kunst – angewandt werden. Exemplarisch hierfür ist der Ise-Schrein in der gleichnamigen Stadt auf der Hauptinsel Honshū. Endōs Skulpturen stehen für Transformation, thematisieren die gegensätzlichen Eigenschaften, die man dem Feuer zuschreibt, wie Leben und Tod, Gut und Böse. Auch psychoanalytische Ansätze wie Eros und Thanatos spielen eine Rolle. Dem Lebenstrieb – Eros –, der die Verlängerung des Lebens anstrebt und sich mit Objekten verbindet, steht der Todestrieb – Thanatos – gegenüber, der das Destruktive, das Zerstörerische anstrebt. Die hier abgebildete Arbeit »Water Way« von 2010 zeigte Endō im Rahmen seiner Einzelausstellung Trieb <=> Void in der Art Front Gallery in Tokio. Die Skulptur versinnbildlicht alle wichtigen Parameter im Werk Endōs wie das Feuer, aus dessen zerstörerischer Kraft auch immer etwas Neues entsteht, und das Wasser, das für Bewegung, das Fließende und Lebensstiftende steht. Das Konzept der Abwesenheit impliziert auch immer die Anwesenheit und umgekehrt. Somit sind Feuer und Wasser gleichermaßen Bestandteil der Arbeit – sichtbar und unsichtbar.

Toshikatsu Endō

geboren 1950 in Takayama, Japan
Lebt und arbeitet in Saitama, Japan

Einzelausstellungen (Auswahl)

  • 2017 The Archaeology of the Sacred, Museum of Modern Art Saitama, Saitama/JP
  • 2015 Void – Water Place SCAI The Bathhouse, Tokio
  • 2010 Trieb <=> Void, Art Front Gallery, Tokio
  • 2009 Sacrifice and Void, Aomori Contemporary Art Center, Aomori/JP
  • 2006 Trieb – Rain Room, Nizayama Forest Art Museum, Toyama/JP

Gruppenausstellungen (Auswahl)

  • 2019 Anish Kapoor/Toshikatsu Endō /Daisuke Ohba/ Vajiko Chachkhiani, SCAI The Bathhouse, Tokio
  • 2017 Naoki Ishikawa, Toshikatsu Endō etc., SCAI Park, Tokio
  • 2016 Group Show, L.A. Louver, Venice/CA
  • MOMAT Collection, The National Museum of Modern Art, Tokio
  • 2015 Postwar Art in Close-up, Museum of Contemporary Art Tokyo, Tokio
  • 2011 Personal Structures – Identities, Palazzo Bembo, 54. Biennale von Venedig, Venedig

Fotos

© Toshikatso Endō
© Hideto Nagatsuko

Text

Stefan Tasch

Studium der Kunstgeschichte in Wien und Edinburgh, Arbeit in verschiedenen Museen und Galerien